mein kopf will ohne mich sein (auszug)

sept., abwesend
ich spule jeden abend im kopf ab, wen ich enttäuscht habe oder dass ich es nicht schaffen werde oder es fallen mir sätze ein, die ich vor jahren gesagt habe, oder die zu mir gesagt wurden, diese sätze fallen in mich ein und ich bin wehrlos oder ich schalte das licht aus und verstecke mich unter dem bett vor den eigenen gedanken oder ich schlafe ein und träume, ich verwandle mich in treibsand und wache weinend nicht auf, das heißt „alltagsnahsein“, aber heute war ich in kroatien oder in tschechien oder an einem ort, an dem es mir gut ging, weil ich nicht da war; zum frühstück erzähle ich ihr, dass alles schöne glasig ist für mich, glasige augen, weil alles schöne zerbrechlich ist, und ich mich ständig an den scherben schneide oder an allem, was ich zerbrochen habe oder was in mir zersprungen ist. dann zähle ich ihr glasdinge auf, die ich mag: postkarten; wenn alle blauen flecken von selbstverteidigung sind; solange durch eine stadt laufen, bis der körper taub wird; gespräche in sprachen, die ich nicht verstehe (weil manchmal denke ich, in einer anderen sprache hätte ich sein können);

oct., graz
ich verstehe nicht, wie ich hierher gekommen bin, in diesen moment, ob das eine wohnung oder literatur ist oder wie zurück sein an diesem ort wieder mehr sein könnte, als eine erinnerung daran, dass ich noch immer eine ahnung davon habe, wer ich geglaubt habe, zu sein in graz. sie sagt, ich solle dem zeit geben, dass es besser werden wird, mit der zeit, aber ich weiß nicht mehr, wie das geht: ankommen, ein richtiges bücherregal, eine richtige küche, nicht immer nur schlaf- und rucksack, nicht auf den sofas der freunde zuhause sein, sondern im eigenen bett einzuschlafen, ich kenne kein gegenteil für meine rastlosigkeit mehr, für mein ungenügen, das in meinen ohren surrt wie der kühlschrank, oder wie sich eine welt anhört, in der ich jeden aufwache und von neuem erkennen muss, dass er sich von mir entfernt, die wörter rieseln noch immer sanft zwischen uns, aber wort um wort wächst da etwas, eine wand (aus meinen fehlenden bedingungen zu seiner möglichkeit).

nov., brno
ich esse zitronenkuchen, stück für stück, und wiederhole mir, dass ich glücklich bin. ich schreibe GLÜCK mit roter ölkreide auf rote ölkreide oder glück auf die serviette, die neben mir liegt. er dreht sich zu mir und sagt, svatba wäre ein wichtiges wort, ich solle es mir merken. ich lache, nicke, versuche, den sinn zu erhaschen, aber ich würde ALLES miteinander verwechseln, reden mit rot oder den himmel mit einer schürfwunde. ich kann nie das ganze stück kuchen essen, ich bin immer zu schnell zu voll, also schiebe ich es zu ihm rüber, obwohl ich mich zu ihm, obwohl ich ihm sagen sollte, ich kann unser glück nicht fassen, es bleibt mir verschlossen, obwohl ich doch so gern möchte, aber ich kann nicht, ich kann auch nur jeden zweiten tag in der früh aufstehen, nur jeden zweiten tag richtig essen, sonst ist es zu viel oder zu wenig, ich kann das nicht, in der welt, in den momenten, in uns.

dec., vienna
meine bleistiftscherben auf papier, während das wasser im sand versickert, während ich zuviel zeit in zügen verbringe, von wien weg, nach wien zurück, von dir weg, zu dir zurück, zuviel kaffee trinke, ich könnte auch schreiben, meine gedanken sind sandburgen, ich halte mich lieber an dingen fest, zärtlich, weil ich die menschen nicht: am hauseingang, der WAND auf meinem mantel, am plattenspieler, der klebrigen kassette, unsere entfernung kann ich in diesen wörtern messen, wenn du sie liest, dann siehst du nicht, was ich sehe, du kannst nur rätseln, früher hättest du verstanden, mich, da waren es unsere WÖRTER, unsere BILDER, unsere HANDLUNGEN, die EREIGNISSE, die EINSAMKEIT, das UNBEHAGEN, statt ich konnte ich auch wir schreiben, heute schreibe ich ich und meine mich als statue aus marmor mit deinem verlorenen gesicht, ein ungenügend so nicht sein, trotzdem wünsche ich mir noch immer

[auszug aus selbstmörderinnen auf urlaub (arbeitstitel), schreiben 2018-2020]

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