von hier sein

Was sind 40 Kühe auf fünf Hektar und wie muss man das Nutztier heute wieder vorm bösen Wolf schützen, der aus dem Wald kommt, der durch den Wald streift, und was heißt das, dass ich davon keine Ahnung habe, dass ich mir nichts gemerkt habe, dass mich das alles nicht interessiert, dass ich keine Kühe und keine Pilze auseinanderhalten kann und keine Bäume und keine Blumen und dass ich die Sprache meiner Eltern nicht spreche; dass ich keine Volkslieder auswendig singen und keine Vulgonamen zuordnen kann; dass ich niemand kenne, in unserer Gegend, und keine Gasthäuser, dass ich keinen Buschenschank empfehlen kann. Dass ich, wenn mich jemand fragt, ob ich die Aussichtswarte kenne oder den Wanderweg, dass ich da nur vage nicke und immer sage, „ja, es sagt mir was, vom Namen her“, obwohl es mir vom Namen her nichts sagt und dann darauf hoffe, dass das ausreichend ist, dass eben nicht näher nachgehakt wird, dass es reicht, wenn ich zustimme, wenn die Menschen sagen, dass es „so eine schöne Gegend“ sei, von der ich komme, mit den Hügeln, den Wäldern, den Weingärten, „so eine schöne Gegend, so eine gute Luft“ oder dass ich, wenn mich jemand nach dem Weg fragt, nur sagen kann, „es tut mir leid, ich bin nicht von hier“, und dann denke, das ist keine Lüge, ich kann doch nicht von hier sein, von hier kommen, wenn mir das hier immer schon fremd war und auch fremd geblieben ist, wenn ich keine Namen, keine Orte kenne, wenn ich doch die Sprache nicht spreche.

Sie haben sich ja bemüht, um mich, mein Großvater ist mit mir wandern gegangen, durch die Wälder, über die Hügel, und ich könnte die Namen hinschreiben, aber ich müsste jeden einzelnen googlen, bei jedem Marterl sind wir stehen geblieben und er hat Fotos gemacht, von mir, von den Marterln, von mir vor den Marterln und auf seinem Wanderstecken aus Holz da waren ganz viele Wappen montiert, von den Orten, zu denen er schon hingegangen ist, bei irgendeinem Buschenschank sind wir dann immer stehengeblieben, eingekehrt, er war ja ortsbekannt, der Herr Inspektor, es gibt da diese lustige Geschichte, dass als ich auf die Welt gekommen bin, der Herr Inspektor grad auf Russlandreise war und er am Telefon zuerst gefragt hat, wie es der Katze geht und dann erst nach meiner Mutter und mir.

Ich in Fotoalben, auf VHS-Kassetten, kaum noch abspielbar, da die Hochzeit meiner Eltern, ich im eisrosa Kleidchen, da das Faschingsfest, ich als Clown, da ein Ausflug, Schwammerl suchen, ich im Wald, ich kann Geschichten zu den Bildern, aber ich erinnere mich nicht wirklich, ich sortiere Kleidung, Zeug in den Kästen, den Schubladen um und aus, räume das Zimmer der Großeltern aus, für mich, weil es dann mein Zimmer wird, die Großeltern sind nicht tot, sie schlafen in ihren Pflegebetten, ich kann sie mir nicht mehr anders vorstellen, ich kann aber Geschichten mit ihnen erzählen, wie sie mit mir Karten gespielt haben als Kind, wie ich schnapsen von ihnen gelernt habe, wie wir abends in der Küche gesessen sind und gespielt haben und ich von ihnen gelernt habe, zu sagen, „ich habe lauter Juden“, wenn ich ein schlechtes Blatt hatte, oder ich kann die Geschichte erzählen, dass ja „nicht alles schlecht war unterm Hitler“, ich kann die Geschichte erzählen, von dem Lied mit den morschen Knochen, ich kann diese Geschichten erzählen, die wir alle erzählen können. Die Geschichten haben sich nicht verändert, sie werden nur gern übersehen, sie werden nur gern verschwiegen. Wenn Freunde ihr Kind nicht taufen lassen und sie gefragt werden, ob sie dann nicht Angst hätten, dass das Kind ein Jude wird, dass so ein nicht-getauftes Kind ja arm ist, dann haben sich die Geschichten nicht verändert, dann hat sich nichts verändert in diesem Land, auch wenn immer alle gern so tun, als ob, auch wenn immer alle gern schockiert sind, wenn wieder mal was passiert, ist ja nur ein einzelner Fall, ein Einzelfall, weil das ja alles schon so lang vorbei wäre, aber es war nie vorbei.

Ich soll mich mal nicht so anstellen, nicht immer alles hinterfragen, sagen sie mir, sagen mir die Freunde, die Familie, sagt mir Österreich, ich soll mir lieber eine anständige Arbeit suchen, ich soll mir lieber einen anständigen Mann suchen, ich soll lieber endlich an Kinder denken, an anständige Kinder, an einen Erben, was soll aus deiner perfekten Gebärmutter, was soll aus dir werden, wenn sie nicht benutzt wird, und ans Haus bauen, alles fürs Volk, alles fürs Land. Ich soll mal aufhören mit meinem Herkunftskomplex, sagt die Freundin aus dem Ausland, ihr Österreicher mit eurem Österreich immer, ist das euer einziges Thema, da muss man doch mal drüber hinwegkommen, Lisa, übers Land, darüber hinauskommen. Aber es gibt kein Hinwegkommen, es gibt kein Hinauskommen aus Österreich, aus dieser Geschichte, da gibt es kein Entkommen, es ist immer dasselbe ersticken, in Österreich aufwachsen, die Erwartungen der Familie, und wir Töchter, die mit über 30 weder Karriere haben noch Familie, die nichts haben, außer unserer Verweigerung, außer dem nicht so sein, wie dieses Land es von uns will und die Wörter, die Verzweiflung, das Ersticken an den Tannennadeln, am Hass, am Wald, am Rassismus, an den Bergen, an der Gewalt, am Glauben an das Volk, am Antisemitismus, an Österreich, dem Abgrund, wir können noch immer nichts anderes erzählen, als vor 100 Jahren oder vor 50 Jahren, obwohl wir es so gerne möchten, weil es ist ja immer noch dieselbe Geschichte.

Mein Bett stelle ich dort hin, wo früher der Schrank gestanden ist, in dem mein Opa sein Gewehr und seine Uniformen aufbewahrt hatte, mit den ganzen Orden, in dem das Hochzeitskleid meiner Oma hing und ihre selbstgenähten Röcke, Kleider, Nachthemden, als ich das Zimmer ausgeräumt habe, hat es mich so vor den alten Gebissen, den gebrauchten Stofftaschentüchern und halb gelutschten Hustenzuckerln in den Nachttischen geekelt, die dritten Zähne mit Haftcreme beschmieren und den Großeltern einsetzen war nie ein Problem, Windeln wechseln war nie ein Problem, scheiße vom Arsch wischen war nie ein Problem, aber alte, unechte Zähne, da hat es mich dann auf einmal gewürgt, bei den Geweihen, bei den Bildern vom Wald, beim Wald im Haus, da hat es mich auf einmal gehabt, was man sich alles aufhängen kann, den Jungbäuerinnenkalender, die Bilder der Enkel, die Geweihe, die Axt, das Gewehr ist Zierde, ist ein Gemälde, ist nur ein Bild, das Gewehr an der Wand im Wald, ich wildere in Erinnerungsräumen, sehe nichts, mir fehlt der Blick, ich will von nichts wissen, aber mir tut längst alles weh, die blauen Flecken am Körper, aber die Ursache dazu nicht sehen, was man sich alles in den Schrank stellen kann, was man sich alles aufhängen kann, woran man sich alles aufhängen, wie man sich einrichten kann, worin man sich einrichten, einen Stammbaum mit den richtigen Ahnen, Ehrenurkunden vom Kameradschaftsabend, das Kreuz, das Bild mit den Schutzengeln, was man sich alles, sie haben alles aufgehangen, ich hab alles abgehangen, was die Großeltern aufgehangen hatten, aber dadurch wird nichts richtiger, der Raum bleibt, der Raum bleibt der kühlste Raum im ganzen Haus, ständig friert es mich, vielleicht liegt es am Raum, vielleicht liegt es am Schweigen in den Schubladen und alle Fragen ein Raum ohne Antworten, in dem ich es mir einrichte, geschichtslos, gesichtslos, was bleibt, sind die Stimmen, die fehlen