Literatur & lass uns nur ein Spiel spielen

Ein Vergleich, den ich für den Literaturbetrieb in den letzten Jahren zu oft gehört habe, als Antwort darauf, dass ich “emotional zu involviert” wäre: Du musst das mehr wie ein Spiel sehen, Julia. Du darfst das nicht so ernst nehmen, du musst das lockerer sehen.

Unabhängig davon, ob ich jetzt den Literaturbetrieb als ein Spiel betrachten soll oder mein Leben als ein Spiel betrachten soll, der Vergleich kann nur von jemanden aufgestellt worden sein, der so privilegiert ist, dass ihn dieses „Spiel“ noch nie existenziell bedroht hat. Also von jemanden, der gewohnt ist, im Spiel zu gewinnen. 

Natürlich verstehe ich, woher dieser Spielvergleich kommt, gerade in Bezug auf den Literaturbetrieb. Ob jemand ein Stipendium bekommt oder nicht, in einer Literaturzeitschrift gedruckt wird oder nicht, mit einem Preis ausgezeichnet wird oder nicht – das alles wirkt so undurchsichtig, dass es uns wie ein Glücksspiel vorkommen kann.

Natürlich ergeben sich auch einige Vorteile daraus, wenn wir das alles wie ein Spiel betrachten: Wir und die anderen Autor*innen usw. sind dann nicht mehr als Spielfiguren. Auf diese muss ich dann wenig bis keine Rücksicht nehmen, schließlich ist es nur ein Spiel, das nichts mit uns als Menschen zu tun hat. Wenn du also wegen des Spiels verletzt bist, dann liegt das ausschließlich daran, dass du die Spielregeln nicht verstanden hast. Du musst das einfach lockerer nehmen.

Aber gleich wie die Rede vom Glück macht auch die Rede vom Spiel vor allem eines: Machtverhältnisse verschleiern, Privilegien ausblenden. Es ist einfach, alles locker zu nehmen, solange man sich alles locker nehmen kann. Solange wir mitspielen und so tun, als wäre alles Glück und Zufall und ein Spiel können wir nicht ernsthaft anfangen, uns mit den Problemen im Literaturbetrieb auseinanderzusetzen. Solange können wir nicht Verantwortung für unsere eigene Position übernehmen.