draußen 1 gespenst

“Ich glaube”, sagte Jacques Derrida in Ghost Dance, “dass die Zukunft den Gespenstern gehört und dass die moderne Technologie der Bilder, der Kinematographie, der Telekommunikation usw. die Macht der Gespenster verzehnfacht.” (Maël Renouard, Fragmente eines unendlichen Gedächtnisses, S. 64).

Mit dieser Macht der Gespenster (1 Macht der Abwesenheiten?) beschäftigt sich das Textprojekt “draußen 1 gespenst” (Arbeitstitel).

Meine eigene Kommunikation im Alltag mit meinen Freund*innen (die meisten wohnen nicht am selben Ort wie ich) gleicht Gesprächen mit Gespenstern (wenn ich Gespenst insbesondere im Fehlen eines physischen, greifbaren Körpers festmache und darin, dass alle anderen Personen, die am selben Ort wie ich sind, nur mich sehen, nicht die Personen, mit denen ich gerade spreche.

Wenn ich jegliches Gespenst im Fehlen von etwas festmache – etwas, das 1 Figur heimsuchen kann, dann ist “draußen 1 gespenst”.

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Dazu notiere ich mir zb, wie der Begriff “Gespenst” in Texten, die ich lese, verwendet wird – eine Übersicht dazu (seit November 2020) findet sich in diesem Twitter-Thread, den ich laufend ergänze.

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Erste Textversuche, in denen ich mich mit Gespenstern beschäftige, sind im Dezember 2020 im LYTTER erschienen.

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Darüber, wie intertextuelle Bezüge als Gespenster in Texten erscheinen, oder welche anderen Gespenstern (unsere eigenen) wir beim Lesen von Texten (er-)finden können, darüber habe ich hier geschrieben: Gespenster:bezüge.

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2017 beschäftigte ich mich mit Lou Andreas-Salomé (es war ein Film über sie bei der Diagonale gelaufen) und ich blieb bei 1 Wort hängen: “vergespenstern”. Sie verwendet dieses Wort in Bezug auf Rilkes (unbegründet auftretende) Angstgefühle, “man konnte sehen, wie der Baum nun begann, sich Dir zu vergespenstern.” (Ich verwende das Wort eine zeitlang zu oft in Textversuchen, weil ich es so schön finde.)

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Begonnen mich explizit mit Gespenstern in Texten zu beschäftigen, habe ich im Frühjahr 2019, als ich erstmals darüber getwittert habe. Kurze Zeit später war @standseilbahn als Teilnehmerin bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur mit dem Text “Raumstation Hirschstetten”, der einen der schönsten Anfänge hat (& überhaupt eine sehr treffende Gespenstergeschichte erzählt): “Gespenster entstehen zufällig.” (Der Text ist hier nachzulesen). Ich weiß nicht, warum ich selbst begonnen habe, mich mit Gespenstern zu beschäftigen – ich denke manchmal, ich habe es im Twitterfeed von @standseilbahn zufällig aufgeschnappt (obwohl sie davor natürlich nicht über den Text gepostet hatte).

In meiner Twitterbubble schweben Gespenster (häufig durch Tweets oder Texte). Jess Tartas hat zb im November 2020 auf Downbyberlin einen Gespensterbrief veröffentlicht. @f_tosse schreibt regelmäßig über Unsichtbarkeit(en). Die (scheinbare) Zufälligkeit, die selben Themen im Schreiben zu wählen, ergibt sich vermute ich, aus ähnlichen Lebenskontexten und der (gegenseitigen) Verstärkung in der Bubble selbst.

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In letzter Zeit werden (etwa durch die Netflix Spukserien “The Haunting of Hill House/Bly Manor” ua) Gespenster (oder Abwesenheiten) vermehrt in den Blick gerückt; sich die Figur des Gespensters als Bild durch die Gegenwartsliteratur zieht (wenn auch oft nur in 1 Satz, weil damit ein Fehlen/eine Obsession gut eingefangen werden kann);

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Die Zukunft, von der Derrida in Ghost Dance spricht, ist unsere Gegenwart. Und sie gehört (unseren) Gespenstern.