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Autofiktion.

Auszüge:

In The Haunting of Hill House beruhigt der Vater seine Kinder wegen ihrer Träume (Gespenster): “Dreams are like oceans. Sometimes, they spill over.” Manchmal denke ich, der TEXT ist nur ein Albtraum, der immer mehr übergeht, mehr in die Wirklichkeit hineinläuft.
In A Ghost in the throat (Doireann Ní Ghríofa) findet sich ein vergleichbares Bild: “Before long, the poems began to leak into my days.” (S. 17) Je mehr Wörter ich schreibe, desto mehr fluten sie meine Welt. Also schreibe ich weiter und weiter, weil ich die Trennung zwischen TEXT und WELT aufheben will und habe zugleich Angst davor, weil ich nicht sicher bin, ob ich im TEXT untergehen will.

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Mit der Chronologie durcheinander kommen, schreiben: nicht schön sein, kotzen, und an Neuschnee denken.

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Ich schlafe fast immer beim ersten Treffen mit Personen, zu denen ich mich hingezogen fühle. Ich sehe den Sinn darin, zu warten, nicht.

Die Kindernamen von dir finde ich beide sehr schön, ich wollte immer eine Tochter, die Hannah heißt.

“Selbstverständlich lüge ich mich an, indem ich behaupte, nicht zu wissen, was ich in dieser Geschichte verloren habe”, schreibt Nino Haratischwili in Juja.

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Andererseits langweilt mich diese Rolle der psychisch-kranken Frau, die das in selbstgefährdenden Beziehungen auslebt. Erst diesen Herbst habe ich mich darüber geärgert, als ich die Figur in Queenie von Candice Carty-Williams wiedergefunden habe. In dem Roman, wie auch in sehr vielen anderen künstlerischen Bearbeitungen über das Sexleben von Frauen, lebt die Ich-Figur exzessiven Sex, aber ohne ihn tatsächlich zu genießen. In einer darauffolgenden Psychotherapie werden die darunter liegenden Probleme (ein gestörtes Verhältnis zur Mutter) aufgearbeitet.

Warum wird das dann oft in der Form geschrieben? Es wirkt für mich zugespitzt so, als dass einer weiblichen Figur in Romanen oft nur dann zugestanden wird, exzessiv Sex zu haben, wenn die Erklärung dafür in ihren psychischen Problemen liegt. Vielleicht ist es auch eine Erweiterung des männlichen Blicks auf den weiblichen Körper im Schreiben: der ursprünglich männliche Blick wird imitiert durch den Blick der Psychotherapeut*in, die*der das weibliche Verhalten dann für die Leser*in “objektiv” einordnet.

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Irgendwann haben wir darüber gesprochen, wie sich Liebe für uns anfühlt. Ich habe dir geschrieben, dass Gefühle für mich immer in der Gegenwart bleiben, und du hast gemeint, dass es für dich eher so ist, wie wenn eine Kassette mit etwas Neuem überspielt wird. Das ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich dein Bild dafür schön fand und weil mir bewusst wurde, dass Gefühle so unterschiedlich aufgebaut sind – einer eigenen Architektur folgen.

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“Das Phantom ist demnach auch ein metapsychologisches Faktum. Das heißt, nicht die Gestorbenen sind es, die uns heimsuchen, sondern die Lücken, die aufgrund von Geheimnissen anderer in uns zurückgeblieben sind”, lese ich in einem Aufsatz über Gespenst und Trauma (M. Weinberg) – wonach wir uns sehnen, wenn wir schreiben, sind die Lücken, die Geheimnisse, die wir nicht füllen können.

Ich weiß nicht, was geschieht, wenn wir mehr füreinander sind, als Gespenster. Was es bedeuten würde, wenn deine Hand meine Hand berührt. “Alles hört auf, indem es sich ereignet”, schreibt Ilse Aichinger 1960.