von hier sein

Was sind 40 Kühe auf fünf Hektar und wie muss man das Nutztier heute wieder vorm bösen Wolf schützen, der aus dem Wald kommt, der durch den Wald streift, und was heißt das, dass ich davon keine Ahnung habe, dass ich mir nichts gemerkt habe, dass mich das alles nicht interessiert, dass ich keine Kühe und keine Pilze auseinanderhalten kann und keine Bäume und keine Blumen und dass ich die Sprache meiner Eltern nicht spreche; dass ich keine Volkslieder auswendig singen und keine Vulgonamen zuordnen kann; dass ich niemand kenne, in unserer Gegend, und keine Gasthäuser, dass ich keinen Buschenschank empfehlen kann. Dass ich, wenn mich jemand fragt, ob ich die Aussichtswarte kenne oder den Wanderweg, dass ich da nur vage nicke und immer sage, „ja, es sagt mir was, vom Namen her“, obwohl es mir vom Namen her nichts sagt und dann darauf hoffe, dass das ausreichend ist, dass eben nicht näher nachgehakt wird, dass es reicht, wenn ich zustimme, wenn die Menschen sagen, dass es „so eine schöne Gegend“ sei, von der ich komme, mit den Hügeln, den Wäldern, den Weingärten, „so eine schöne Gegend, so eine gute Luft“ oder dass ich, wenn mich jemand nach dem Weg fragt, nur sagen kann, „es tut mir leid, ich bin nicht von hier“, und dann denke, das ist keine Lüge, ich kann doch nicht von hier sein, von hier kommen, wenn mir das hier immer schon fremd war und auch fremd geblieben ist, wenn ich keine Namen, keine Orte kenne, wenn ich doch die Sprache nicht spreche.

Sie haben sich ja bemüht, um mich, mein Großvater ist mit mir wandern gegangen, durch die Wälder, über die Hügel, und ich könnte die Namen hinschreiben, aber ich müsste jeden einzelnen googlen, bei jedem Marterl sind wir stehen geblieben und er hat Fotos gemacht, von mir, von den Marterln, von mir vor den Marterln und auf seinem Wanderstecken aus Holz da waren ganz viele Wappen montiert, von den Orten, zu denen er schon hingegangen ist, bei irgendeinem Buschenschank sind wir dann immer stehengeblieben, eingekehrt, er war ja ortsbekannt, der Herr Inspektor, es gibt da diese lustige Geschichte, dass als ich auf die Welt gekommen bin, der Herr Inspektor grad auf Russlandreise war und er am Telefon zuerst gefragt hat, wie es der Katze geht und dann erst nach meiner Mutter und mir.

Ich in Fotoalben, auf VHS-Kassetten, kaum noch abspielbar, da die Hochzeit meiner Eltern, ich im eisrosa Kleidchen, da das Faschingsfest, ich als Clown, da ein Ausflug, Schwammerl suchen, ich im Wald, ich kann Geschichten zu den Bildern, aber ich erinnere mich nicht wirklich, ich sortiere Kleidung, Zeug in den Kästen, den Schubladen um und aus, räume das Zimmer der Großeltern aus, für mich, weil es dann mein Zimmer wird, die Großeltern sind nicht tot, sie schlafen in ihren Pflegebetten, ich kann sie mir nicht mehr anders vorstellen, ich kann aber Geschichten mit ihnen erzählen, wie sie mit mir Karten gespielt haben als Kind, wie ich schnapsen von ihnen gelernt habe, wie wir abends in der Küche gesessen sind und gespielt haben und ich von ihnen gelernt habe, zu sagen, „ich habe lauter Juden“, wenn ich ein schlechtes Blatt hatte, oder ich kann die Geschichte erzählen, dass ja „nicht alles schlecht war unterm Hitler“, ich kann die Geschichte erzählen, von dem Lied mit den morschen Knochen, ich kann diese Geschichten erzählen, die wir alle erzählen können. Die Geschichten haben sich nicht verändert, sie werden nur gern übersehen, sie werden nur gern verschwiegen. Wenn Freunde ihr Kind nicht taufen lassen und sie gefragt werden, ob sie dann nicht Angst hätten, dass das Kind ein Jude wird, dass so ein nicht-getauftes Kind ja arm ist, dann haben sich die Geschichten nicht verändert, dann hat sich nichts verändert in diesem Land, auch wenn immer alle gern so tun, als ob, auch wenn immer alle gern schockiert sind, wenn wieder mal was passiert, ist ja nur ein einzelner Fall, ein Einzelfall, weil das ja alles schon so lang vorbei wäre, aber es war nie vorbei.

Ich soll mich mal nicht so anstellen, nicht immer alles hinterfragen, sagen sie mir, sagen mir die Freunde, die Familie, sagt mir Österreich, ich soll mir lieber eine anständige Arbeit suchen, ich soll mir lieber einen anständigen Mann suchen, ich soll lieber endlich an Kinder denken, an anständige Kinder, an einen Erben, was soll aus deiner perfekten Gebärmutter, was soll aus dir werden, wenn sie nicht benutzt wird, und ans Haus bauen, alles fürs Volk, alles fürs Land. Ich soll mal aufhören mit meinem Herkunftskomplex, sagt die Freundin aus dem Ausland, ihr Österreicher mit eurem Österreich immer, ist das euer einziges Thema, da muss man doch mal drüber hinwegkommen, Lisa, übers Land, darüber hinauskommen. Aber es gibt kein Hinwegkommen, es gibt kein Hinauskommen aus Österreich, aus dieser Geschichte, da gibt es kein Entkommen, es ist immer dasselbe ersticken, in Österreich aufwachsen, die Erwartungen der Familie, und wir Töchter, die mit über 30 weder Karriere haben noch Familie, die nichts haben, außer unserer Verweigerung, außer dem nicht so sein, wie dieses Land es von uns will und die Wörter, die Verzweiflung, das Ersticken an den Tannennadeln, am Hass, am Wald, am Rassismus, an den Bergen, an der Gewalt, am Glauben an das Volk, am Antisemitismus, an Österreich, dem Abgrund, wir können noch immer nichts anderes erzählen, als vor 100 Jahren oder vor 50 Jahren, obwohl wir es so gerne möchten, weil es ist ja immer noch dieselbe Geschichte.

Mein Bett stelle ich dort hin, wo früher der Schrank gestanden ist, in dem mein Opa sein Gewehr und seine Uniformen aufbewahrt hatte, mit den ganzen Orden, in dem das Hochzeitskleid meiner Oma hing und ihre selbstgenähten Röcke, Kleider, Nachthemden, als ich das Zimmer ausgeräumt habe, hat es mich so vor den alten Gebissen, den gebrauchten Stofftaschentüchern und halb gelutschten Hustenzuckerln in den Nachttischen geekelt, die dritten Zähne mit Haftcreme beschmieren und den Großeltern einsetzen war nie ein Problem, Windeln wechseln war nie ein Problem, scheiße vom Arsch wischen war nie ein Problem, aber alte, unechte Zähne, da hat es mich dann auf einmal gewürgt, bei den Geweihen, bei den Bildern vom Wald, beim Wald im Haus, da hat es mich auf einmal gehabt, was man sich alles aufhängen kann, den Jungbäuerinnenkalender, die Bilder der Enkel, die Geweihe, die Axt, das Gewehr ist Zierde, ist ein Gemälde, ist nur ein Bild, das Gewehr an der Wand im Wald, ich wildere in Erinnerungsräumen, sehe nichts, mir fehlt der Blick, ich will von nichts wissen, aber mir tut längst alles weh, die blauen Flecken am Körper, aber die Ursache dazu nicht sehen, was man sich alles in den Schrank stellen kann, was man sich alles aufhängen kann, woran man sich alles aufhängen, wie man sich einrichten kann, worin man sich einrichten, einen Stammbaum mit den richtigen Ahnen, Ehrenurkunden vom Kameradschaftsabend, das Kreuz, das Bild mit den Schutzengeln, was man sich alles, sie haben alles aufgehangen, ich hab alles abgehangen, was die Großeltern aufgehangen hatten, aber dadurch wird nichts richtiger, der Raum bleibt, der Raum bleibt der kühlste Raum im ganzen Haus, ständig friert es mich, vielleicht liegt es am Raum, vielleicht liegt es am Schweigen in den Schubladen und alle Fragen ein Raum ohne Antworten, in dem ich es mir einrichte, geschichtslos, gesichtslos, was bleibt, sind die Stimmen, die fehlen

STÜCKWEISE

ich esse zitronenkuchen und sage, dass ich glücklich bin. ich weiß, dass es so ist, auch wenn ich es nur benenne, nicht empfinde. gerade eben: GLÜCK. solange ich es schreiben kann, das muss genügen. glück, in einer fremden stadt ohne einen einzigen eigenen gedanken oder glück, in einer fremden stadt und alle eigenen gedanken sind mit roter ölkreide übermalt, so, dass sie nur leicht durchschimmern, wenn ich mich im kopf in die falsche richtung drehe, aber sie bleiben im verborgenen, sind nicht mehr zu lesen. glück, ich kann also so tun, als ob sie nicht da wären.

seine stimme ist die rote ölkreide, mit der ich alles in mir anmale, bis keine weißen flecken, bis keine modernden sätze mehr zu sehen, zu fühlen sind. nur grelles rot, nur seine stimme, die mir manchmal weh tut. „würdest du mir sagen, wenn es dir nicht gut geht?“, hat er gefragt. ja, würde ich das? „nein“, aber dann ist es auch nicht zu übersehen, nicht zu übermalen, wenn es mir nicht gut geht, es ist eben nicht, nicht aufstehen in der früh und nicht essen den ganzen tag, nicht atmen und nicht schlucken und zu flüstern, „ich weiß nicht, ich bin so müde, ich weiß, du willst, dass ich dich ansehe, und ich will es ja, aber mit geschlossenen augen ist es einfacher“, und mich dafür zu entschuldigen, während er mir essen kocht, wenn er von der arbeit heimkommt, während er mich festhält, bis ich einschlafe.

ich in seinem bett, in seiner wohnung und er plant mich als seine zukunft, er will mich, mit mir einschlafen und ich will wieder aufwachen können, wo ich tatsächlich zuhause bin, aber was heißt „zuhause“, vermutlich nicht auf gängen mit bewegungslicht stehen und vermutlich selbst gewählte zahnpasta, vermutlich nicht jedes zweite wochenende vier stunden zu ihm fahren, bahnhöfe erreichen, aber nie wirklich ankommen. ich kann zwei romane lesen in den vier stunden oder aus dem fenster schauen und innerlich schreien.

ich esse zitronenkuchen, stück für stück, und wiederhole mir, dass ich glücklich bin. ich schreibe GLÜCK mit roter ölkreide auf rote ölkreide oder glück auf die serviette, die neben mir liegt. er dreht sich zu mir und sagt, svatba wäre ein wichtiges wort, ich solle es mir merken. ich lache und nicke und versuche, den sinn zu erhaschen, aber ich würde ALLES miteinander verwechseln, reden mit rot oder den himmel mit einer schürfwunde. ich kann nie das ganze stück kuchen essen, ich bin immer zu schnell zu voll, also schiebe ich es zu ihm rüber, obwohl ich besser mich zu ihm, obwohl ich sagen sollte, ich kann unser glück nicht fassen, obwohl ich doch so gern möchte, aber ich kann nicht in der wirklichkeit, in den momenten, in uns bleiben.

Symbolbilder

Ich weine. Dann nehme ich mein Handy und filme mich, wie ich weine. Ich stelle das nicht online, aber ein Foto von mir mit geröteten Augen. Meine Nase schwillt immer an und wird rot. Man sieht die Schwellung nicht, nur das Rot.

Ich treffe einen Bekannten. Er sagt, es wäre so, als hätten wir uns erst gestern gesehen, er sieht ja immer, was ich online schreibe. Es wäre sehr intensiv.

Ich fühle mich schlecht. Ich bin zwei Wochen nicht online.

Menschen, die ich nicht kenne, schreiben mir, warum ich nichts schreibe.
Ob alles in Ordnung mit mir ist.

Ich schreibe 50 Tweets an einem Tag, während ich das Bett nicht verlasse. Ich bingewatche eine Serie und schreibe und ich fotografiere, wie mein Laptop im Bett liegt und den Müll, die Brösel im Bett und die leeren Chipspackungen.

Ich komme nach Hause und finde ein Paket im Postkasten. Irgendjemand aus dem Internet hat mir ein Buch geschickt. Ich bin unendlich müde, ich will schlafen.

Ein Freund sagt, dass alles, was ich schreibe, so düster ist. Er meint, dass Video von meinen Augen wäre so bizarr gewesen – und addictive. Aber es wäre kaum ertragbar, für ihn, sich das anzusehen.

Freunde schreiben mir, ob es mir gut geht. Freunde schreiben mir, dass andere sie darauf angesprochen hätten, dass ich es übertreibe.

Ich poste ein Foto von meinen Beinen in transparenten Strumpfhosen.
Ich poste ein Foto von zwei Bierflaschen und meinem Outfit für den Abend.
Ich poste ein Foto, von rotem Tape  – und meinen Händen.

Ich lösche alle Fotos, auf denen ich bin.

Ein anonymes Profil, neu angelegt, folgt mir und liked 50 meiner Tweets.

Ob ich eigentlich Spaß am Schreiben habe. Weil meine Texte klingen wie ein schriller, nicht auszuhaltender Ton. Ob mich das glücklich mache.

Irgendjemand schreibt etwas, und ich weiß nicht, ob es eine Nonmention ist. Ich schreibe etwas und weiß, dass es mir als Nonmention ausgelegt werden wird, aber.

Ich habe fast 10.000 Tweets. Ich google Programme, mit denen man Tweets löschen kann. Ich führe eines davon aus, ich sehe zu, wie die Zahl meiner Tweets sinkt. Nach 2.000 Tweets hängt sich das Programm auf. Ich will, dass endlich alles weg ist. Ich probiere fünf weitere Programme. Bis endlich alles weg ist. Bis ich weg bin.

(was wirklich ist)

Ich träume, du bist in der WÜSTE, unter deinen Füßen nichts außer eine Sehnsucht nach mir, was du weißt: ich bin hier auch schon gewesen, verwischte Spuren, was du fühlst EINE FORM VON MIR in der du sein willst, weiter weg über die Verwehungen, was geschieht, wenn sie sich nicht mehr WÖLBEN sind das meine Verletzungen oder deine auf den DÜNEN sind sie (wenn du aufbrichst, dürfte ich dich innen behutsam auslecken oder auslegen mit meiner Zunge). Schau, wenn du den Sand vom Boden aufhebst, warum raschelt er in deiner Hand (Ist es meine SPRACHE die in dir zerbröselt)

Du versinkst langsam (ein Verstehen), du weißt von der DUNKELHEIT und siehst in die SONNE (sie kann dich auch nur blenden, wie ich, du denkst, es ist doch schön, so an mich zu denken, wie an einen HIMMELSKÖRPER), du versinkst langsam zwischen der Wirklichkeit und mir, was ist dir lieber, sie oder ich, ein Balancieren der FORMEN, wenn du mich im KOPF hast, denkst du nicht mehr, ich habe alles verwüstet, du legst dich in die DÜNEN (hier solltest du unsere Namen schreiben, aber der Wind lässt uns nicht zu), wenn du später nach deiner Sehnsucht oder nach mir gräbst und dann der Mond an deinen Händen klebt, wirst du dich dann fragen, was wirklich ist. 

Echo bleibt

in abgeänderter Form in mischen2/2019 und Entwürfe von mir | von uns erschienen.

ECHO BLEIBT

„Das, was du sagst, klingt so, als würdest du von mir reden.“
— „von mir reden, von mir reden, von mir reden“

Ich sollte Geschichten erzählen, ich konnte Geschichten erzählen. Das wurde mir so aufgetragen, das wurde mir so vorgegeben. Und ich habe das nicht hinterfragt, weil. Eine „Heilige“, eine Geschichte, eine Anmaßung. „Dieser Text wird dir als Makel ausgelegt werden“, warnen die Stimmen, im Kopf, im Chor, ja. Tatsächlich ist es eine Überschreitung, eine Übertretung jeglicher Fließgrenzen, die natürlich nur zur Übermüdung, zum Bruch führen wird, weil. Es ist auch das Schreiben eine Form des Sprechens, und. Die eigenen Wörter wurden mir weggenommen, deshalb. „Aus gutem Grund wurden sie dir entzogen“, so die Stimmen. Aus gutem Grund, und deswegen. Jeder Text ist ein Verrat, jeder Text ist ein Betrug, seitdem. Natürlich ist mir nur die Wiederholung, aber. Tatsächlich möchte ich doch etwas gänzlich anderes, und. „Es wird nicht gut enden“, sagen die Stimmen, aber. „Es ist dir doch nicht möglich“, sagen sie weiter, aber. „Es ist dir verboten“, sagen sie eindringlich, aber. Tatsächlich werde ich es trotzdem versuchen, nur. Dieses eine Mal will ich von mir reden.

I.

„Sei nicht immer so ein Opfer“
— „Opfer, Opfer, Opfer“

Wo ich herkomme, so sagt man, gäbe es viele Berge und Wälder, und. Dass es im Kleinen eine Weite gäbe, weniger Kontakt zu Menschen, weil. Die Besiedelung in den meisten Gebieten noch immer nicht so weit, ja. Dass sich da die Nachbarn noch kennen, die Kinder noch grüßen würden, aber hallo. Eine Schuld, ein Kreuz, eine Chimäre. „Besser wäre es, du würdest nicht weitersprechen“, tadeln die Stimmen, im Chor, im Kopf. „Du weißt doch, was immer mit jenen passiert, die darüber sprechen.“ Ja, aber. Wo ich herkomme, so sage ich, da gibt es Blutberge und Neidwälder, und. Dass in der Kleingeistigkeit ein Abgrund liegt, wenn, dann nur Gewalt in Menschen, weil. Die dünne Besiedelung macht in allem anämisch, und. Was sich da hinter verschlossenen Nachbartüren, dass. Solange sie nur „Grüß Gott“ plärren auf dem Weg zum Gasthaus, bleibt alles, gut. Dort liefern sie sich alle, aus. „Wir sind die Armen, die, die nichts haben“, schwitzt sich der Alkohol aus ihren Poren, und. Macht sie zu dem, was sie schon immer sein wollten, Opfer.

 „Ich meine es ernst. Ich spiele nicht mit dir“
— „nicht mit dir, nicht mit dir, nicht mit dir“

Als ich aus dem Schatten der Berge trat, und. Durch einen Wald, der tatsächlich sein Wald war, streifte, da. Sah ich ihn, und. Er traf mich, natürlich. „Lass uns hier zusammenkommen!“, rief er, weil. Ich dachte, er sei so liebestrunken wie ich, aber. Er wollte sich nur spiegeln, in mir, weil. „Hier zusammenkommen“, wiederholte ich herzklopfend, und. Ich zeigte mich offen, aber. Als er mich sah, erkannte er sich nicht in mir, und. Er wies mich zurück. Ein Schmerz, ein Schmerz, ein Schmerz. „Lächerlich, dass du dir Erwartungen und Hoffnungen gemacht hast“, höhnen die Stimmen, im Chor, im Kopf. „Niemand ist gut genug für ihn, warum solltest gerade du es sein?“ Damit haben sie recht, ich weiß, aber. Dennoch verhalte ich mich nicht danach, weil. Seitdem liebe ich immer nur seine Söhne, und. Wiederhole die ursprüngliche Kränkung, weil. Ich sie noch immer überschreiben will, aber. Das Spiel folgt immer denselben Regeln, und. Dieser Verlauf ist nicht zu brechen, weil. Am Ende steht immer meine Auslöschung, und. Jedes Mal bleibt von ihrer anfänglichen Begeisterung für mich nur übrig ein abweisendes „nicht mit dir“.

„Du bist nicht hübsch genug,
du bist nicht intelligent genug,
du bist nicht dünn genug,
du bist nicht laut genug,
du bist nicht schlagfertig genug,
du bist nicht groß genug,
du bist nicht politisch engagiert genug,
du bist nicht jung genug,
du bist nicht gelassen genug,
du bist nicht freizügig genug,
du bist nicht zurückhaltend genug,
du bist nicht mutig genug,
du bist nicht echt genug,
du bist echt nicht genug“
— „genug, genug, genug“

Es bleibt oft nur der Rückzug, weil. Es einfacher ist, sich zu verstecken, und. Aber wenn keine Höhle zum Verkriechen da ist, dann. Es bleibt nur, sich in sich selbst zu verstecken, weil. Den eigenen Körper zur Höhle zu formen, und. Dafür bleiben zwei Möglichkeiten, aber. Eine Liste, ein Rezept, eine Hölle. „Du versuchst immer zu ändern, was nicht zu ändern ist“, erklären die Stimmen, im Kopf, im Chor. „Das was du bist, wurde zu Beginn festgelegt, es ist deine Bestimmung, deine Ausbruchversuche sind sinnlos.“ Aber, ich muss daran glauben, dass ich mich ändern kann, sonst. Wenn ich nur mehr weniger werde, dann. Wenn ich ihnen nur entspreche, dann. Wenn ich das nicht schaffe, dann. Nur weil ich mich nicht genügend anstrenge, und. Weil ich noch immer nicht hart genug gegenüber mir selbst bin, und. Weil mein Körper noch immer nicht Festung genug ist, und. „Du willst doch gar nicht, dass sie dich ansehen“, so die Stimmen, aber. „Du hast doch tatsächlich Angst davor, dass jemand dich sieht“, so die Stimmen, aber. „Du willst gar keinen Körper, in dem sie sich spiegeln, du willst formlos sein“, so die Stimmen, aber. Trotzdem versuche ich, den eigenen Körper zur Hölle zu formen, natürlich. Es ist ihnen tatsächlich nie, genug.

„Wir schließen einen Pakt. Wir werde das niemals tun, versprochen?“
— „versprochen, versprochen, versprochen“

Über das Sonst soll ich am wenigstens sprechen, weil. Das könnte man mir am meisten vorwerfen, vor allem meine Schwestern werden es tun, weil ich sie damit verrate, und. Wenn ich schon denke, ich müsste unbedingt sprechen, dann solle ich doch bitte über Schöneres sprechen, weil. Ein Gedanke, eine Krankheit, ein Abgrund. „Du wirst doch dein Schicksal nicht auch noch zusätzlich herbeireden“, entrüstet die Stimmen, im Kopf, im Chor. „Wenn sie dich deswegen pathologisieren, dann hast du es verdient.“ Nur, kann ich nicht über mich selbst sprechen, wenn ich darüber nicht, weil. Wenn es etwas gibt, dass am Anfang stehen sollte, dann. Die Vorstellung zu verschwinden, sich auszulöschen, nicht mehr da zu sein, kam nicht erst durch die Zurückweisung durch ihn, nein. Das wurde tatsächlich immer falsch berichtet, und. Wenn ich spreche, dann auch, um diesen Irrtum richtig zu stellen, aber. Es ist für sie undenkbar, dass ich von mir aus, dass ich grundlos verschwinden wollte, denn. „Weil sie niemand wollte“, ist für sie der einzige denkbare Grund, natürlich. Von sich selbst aus nicht zu wollen, dass gestehen sie mir nicht zu, nein. Die Stimmen zwingen mich auch jetzt, sie sagen, ich müsste anführen, ich hätte mich nur versprochen.

II.

„Jetzt stell dich nicht so an, oder verstehst keinen Spaß?“
— „keinen Spaß, keinen Spaß, keinen Spaß“

Ich werde misstrauisch beäugt, weil. Ich bin hier eine Fremde, und. Sie können nicht verstehen, wie es mich aufs Land, ins Tal der Grausamkeiten verschlagen hat, weil. Ich gehöre doch in die Stadt mit dem Berg, aber. Eine Entscheidung, ein Irrweg, eine Lüge. „Damit hast du doch schon alles gesagt. Was willst du denn noch?“, zischen die Stimmen, im Chor, im Kopf. Nein, ich will, und. Man sagt, dort wo ich herkomme, gäbe es ein Gefälle zwischen Stadt und Land, natürlich. Ich sage, tatsächlich gibt es das nicht, weil. Am Land schimpft man auf die Fremden und auf die Stadt, während. Man besäuft sich im Gasthaus, und. Fickt die Frau seines Nachbarn, und. In der Stadt schimpft man auf die Fremden und auf das Land, während. Man besäuft sich im Gasthaus, und. Fickt die Frau seines Nachbarn, und. Ich versuche, das zu erklären, aber. Ich muss mich ständig wiederholen, und. Ich bin so müde, weil. Ich renne an gegen Trugbilder, aber. Diese sind wirklich, und. Diese Schleifen machen, keinen Spaß.

„Es tut mir so leid, aber ich ertrage keine Nähe“
— „keine Nähe, keine Nähe, keine Nähe“

Es gibt noch eine andere Version über meine Liebe, aber. Auch in dieser wurde ich abgewiesen, und. Auch für ihn war ich nicht Wider genug, aber. Ich kam ihm zugleich viel zu nah, und. Während es mich nach ihm verzehrte, hat er versucht, aber. Er hat zu viele andere verzehrt, und. Dabei habe ich ihn beobachtet, zumindest. Er hat kein Instrument aus mir geformt, auf dem er spielen kann, aber. Ein Betrug, eine Sucht, ein Gemetzel. „Wie kannst du ihn mögen, wenn du doch weißt, wie er deine Schwestern behandelt, denen er nachstellt?“, verachtend, im Chor, die Stimmen, im Kopf. „Du machst dich zur Komplizin, zu seiner Komplizin.“ Ich würde gerne entgegnen, aber. Dass die Betrachtung zu hart sei, weil. Dass man das doch auch anders sehen könne, aber. Und dass ich es nur nicht tue, weil. Tatsächlich will ich nicht darüber nachdenken, ob. Es nicht doch stimmen wird, natürlich. Ich übe mich in Distanz, aber. Nur zu den eigenen Gedanken, weil. Zu ihm schaffe ich es nicht, nur. Zu ihnen will ich keine Nähe.

„Du ziehst dich immer zu schnell aus“
— „schnell aus, schnell aus, schnell aus“

Wenn ich mich bloß anders verhalten, und. Wenn ich nur nicht Echo, und. Wenn ich mehr weniger, und. Ein Kreisel, eine Gier, ein Selbstversuch. „Leichter wäre es, du würdest endlich einsehen, was dein Schicksal ist. Es ist kein Wunder, dass sie dich nicht wollen, wenn du dich ihnen immer gleich offenbarst “, kommentieren die Stimmen, im Chor, im Kopf. Nein, das stimmt so nicht, und. Tatsächlich wehre ich mich vehement gegen diese Sichtweise, und. Daran kann es nicht, weil. Wir sind doch darüber längst hinaus, und. „Seine Söhne wollen natürlich jagen“, so die Stimmen, aber. „Seine Söhne wollen, dass ihre Trophäen nicht so leicht zu erlegen sind wie du“, so die Stimmen, aber. „Seine Söhne wollen sich ihre Risse ehrenvoll verdienen“, so die Stimmen, aber. Ich will doch niemandes Pokal sein, und. Ich will doch für niemanden etwas sein, mit dem er sich schmückt, und. Mit dem er sich rühmt, und. Dann will ich lieber gar nicht, bitte bitte lasst mich, schnell schnell schnell aus.

„Du weißt, du kannst mich jederzeit- du würdest mich doch anrufen?“
— „anrufen, anrufen, anrufen.“

Dass es einen Fluss gäbe, so wird geflüstert, über den man in eine Welt gelangen würde, und. Meine Schwestern und ich haben oft darüber geredet, dass. Es ist eine friedlichere Vorstellung als von Würmern zerfressen zu werden, aber. Ein Zug, eine Nachricht, ein Verrat. „Für dich gibt es weder das eine noch das andere, du wirst einfach verschwinden. Du wirst dich selbst auslöschen“, säuseln die Stimmen, im Kopf, im Chor. Aber, bleibt mir denn wirklich nichts, außer sonst? Auch das ist eine Wiederholung, und. Ich bin müde, und. Ich schreibe Listen, sonst. Ich notiere genau, was ich alles noch tun muss, sonst. Ich dokumentiere im Detail, ob ich mich richtig verhalten habe, sonst. Ich setze mir Deadlines, bis zu denen ich jenes und dies geschafft haben muss, sonst. Jeden Schritt setze ich nur, um weniger Echo und mehr ich zu sein, sonst. Insgeheim aber bleibt sonst mein einziges Anrufen.

III.

„Normalerweise würde ich mit Menschen wie dir nicht reden.“
— „nicht reden, nicht reden, nicht reden.“


Seine Schwestern soll man nicht verlassen, und. Sie haben mich dafür bewundert, weil. Ich es trotzdem getan habe, aber. Ein Abschied, eine Isolation, ein Einschnitt. „Bist du, b-b-b-ist du eine einsame kleine Echo? Hmm? Haben wir dir das nicht von Anfang gesagt? Kannst du noch etwas anderes außer dich jammernd zu wiederholen, du bedauernswertes, armes Ding“, höhnen die Stimmen, im Kopf, im Chor. Um mich rauscht alles immer mehr, und. Manchmal lasse ich es noch mehr rauschen in meinen Echokammern unter blauem Licht, dann. Ich schaffe es fast, das Rauschen mit Wärme zu verwechseln, aber. Wie natürlich färbt sich die Welt gerade wieder in ihre alten Farben ein, und. Wieder und wieder und wieder und wieder und wieder, nur. Davon will ich nichts wissen, und. Davon will ich tatsächlich nicht reden.

„Es liegt nicht an dir“
— „an dir, an dir, an dir“

Ihr Begehren für meinen Körper war immer ein Verrat an mir, und. Vieles könnte ich verzeihen, aber. Das was seine Söhne mir angetan haben niemals, und. Ein Rätsel, eine Fahrt, ein Riss. „Oh, meine Liebe, oh– dreh dich, um. Sieh uns, an– ja, meine Liebe, ja– genauso, genau so, wie wir dich wollen“, parodieren die Stimmen, im Kopf, im Chor. Ich halte mich zu, aber. Selbst dann kann ich sie, sie noch, und. Auch dann kann ich noch ihr, ihr Greifen in meinen Körper, und. Ihre, ihre Abdrücke auf mir, ihre, ihre Schlieren an mir, und. In Wellen schlitzen sie, sie, sie ihre, ihre, ihre Handlungen in mich hinein, und. Tatsächlich blutet aus ihren, ihren, ihren Rissen auf meinem Körper ihr, ihr, ihr ‚es läge nur an dir’.


„Komm, jetzt hör auf. Das ist wieder typisch. Du bist einfach verbittert und grausam.“
— „und grausam, und grausam, und grausam.“


Ich habe Angst davor, zu schlucken. Alles würden die Schwestern mir verzeihen, aber. Das was ich mir damit angetan habe niemals, und. Eine Farbe, ein Faden, eine Entfernung. „Gut siehst aus. Gut siehst du schlecht aus. Schlecht sein steht dir gut, genau so soll es sein“, schmatzen die Stimmen, im Chor, im Kopf. Ja, aber. Ich strenge mich doch, aber. Ich kann nichts mehr mehr mehr runterschlucken, und. Wenn ich versuche, darüber, darüber, nein, nein, nein. Natürlich natürlich, tatsächlich tatsächlich, und. Grausam.


„Aber ich verstehe einfach nicht warum“
— „warum, warum, warum“

Der Grund, warum die Menschen hier von den Brücken fallen wie die Fliegen, ist, weil. Es ist die einzige Möglichkeit, dem Tal wieder zu entkommen, und. Ein Geländer, eine Nacht, ein Fall. Die Stimmen lachen, im Chor, im Kopf, und. Das, was ich sprechen will, ist. Bitte sagt meinen meinen meinen Schwestern, sagt ihnen, bitte bitte bitte. Das das das ist ist ist, warum sonst, warum sonst, warum.

IV.

Das was du sagst, klingt so, als würdest du von mir reden. Von mir reden. Von mir reden. Von mir reden. Sei nicht immer so ein Opfer. Opfer. Opfer. Opfer. Ich meine es ernst, ich spiele nicht mit dir. Nicht mit dir. Nicht mit dir. Nicht mit dir. Du bist nicht hübsch genug, du bist nicht intelligent genug, du bist nicht dünn genug, du bist nicht laut genug, du bist nicht schlagfertig genug, du bist nicht groß genug, du bist nicht politisch engagiert genug, du bist nicht jung genug, du bist nicht gelassen genug, du bist nicht freizügig genug, du bist nicht zurückhaltend genug, du bist nicht mutig genug, du bist nicht echt genug, du bist echt nicht genug. Genug. Genug. Genug. Wir schließen einen Pakt. Wir werde das niemals tun, versprochen? Versprochen. Versprochen. Versprochen. Jetzt stell dich nicht so an, oder verstehst keinen Spaß? Keinen Spaß. Keinen Spaß. Keinen Spaß. Es tut mir so leid, aber ich ertrage keine Nähe. Keine Nähe. Keine Nähe. Keine Nähe. Du ziehst dich immer zu schnell aus. Schnell aus. Schnell aus. Schnell aus. Du weißt, du kannst mich jederzeit- du würdest mich doch anrufen? Anrufen. Anrufen. Anrufen. Normalerweise würde ich mit Menschen wie dir nicht reden. Nicht reden, nicht reden, nicht reden. Es liegt nicht an dir. An dir. An dir. An dir. Komm, jetzt hör auf. Das ist wieder typisch du. Du bist einfach verbittert und grausam. Und grausam. Und grausam. Und grausam. Aber ich verstehe einfach nicht warum. Warum. Warum. Warum.

„Was geht, wenn Echo bleibt?“
— „Echo bleibt, Echo bleibt, Echo bleibt Echo“

1 lila Wollschal

Wind ist auch immer ein Abgrund, Schneeflocken machen ihm Angst. Heute fällt nichts vom Himmel, das ist gut, das ist gut, aber etwas zog ihn trotzdem nach unten: er hatte meinen lila Schal verloren. Ich hatte ihn von meiner Mutter geschenkt bekommen und er war mir lieb, er war mir teuer, wie man so schön sagt, wenn der Tag sich in die Länge zieht wie Kaugummi und die Träume dich wieder einmal mit Haut und Haaren verschlingen wollen. Träume sind Schäume sind Bäume! Er würde ihnen allen ausweichen müssen, für den Schal, für mich, denkt er, während er das Haus verlässt. In welche Richtung soll ich mich drehen, fragt mich der Wind. Ich flüstere, lass ihn für den Moment gewähren. Es ist also windstill, als er vor die Türe tritt. Deswegen kann er einen Fuß vor den anderen setzen, immer schön den Bäumen ausweichend und sich rückwärts durch die Zeit bewegend, was, so denkt er jetzt, mir meinen lila Schal zurückbringen wird.

Bild: Kathrin Pflegerl

die farben, die wörter-

Draußen ist es weiß. Es schneit Seiten. Die Seiten stürzen gegen die Fenster. Ich stelle mir vor, ich reiße, nein, ich öffne meine Fenster weit. Ich will das Glas durch das Papier brechen, ich denke ständig, an das Papier, wie es sich anfühlt, wenn ich darüber streiche, es hat sich so vertraut, nein, es hat sich so wirklich angefühlt, zwischen, nein, unter, nein, in meinen Fingern. „Weißt du, was geschieht, wenn du die Wörter mittig setzt?“, schreibst du, nein, schreibt er, und ich lache oder ich lächle und dann verstecke ich Umarmungen genau in der Mitte der Blätter, ja, und sehe zu, wie sie nach unten fallen, immer weiter, auf ihn, auf dich. „Versuch sie doch, zu fangen“, will ich ihm zuflüstern, aber er hört mich nicht. „Versuch sie doch“, will ich dir zurufen, aber du willst sie nicht, wirklich, auffangen, meine Wörter.

[…]

„Pass auf, dass du dich nicht verschneidest.“ Aber ich mache keine Fehler mehr, ich kann durch Menschen gehen wie eine Maschine. Ich weiß, wo wir ansetzen, meine Schnittmarken im Kopf, seine Schnittmarken im Körper, unsere Schnittmarken auf dem Papier. Ich weiß, wie viel weg muss, was man sehen soll und was nicht gesehen werden darf. Damit es perfekt aussieht. Schnitt für Schnitt unseren roten Linien entlang. Ich übe genügend Druck aus, um durch alle Seiten zu kommen. Das Überflüssige fällt. Bedeckt den Boden, sanft. Ich werde eingeschneit. Meine Hände schmerzen und färben sich rot.

Literaturbetrieb & Glück haben

„Man muss halt auch ein bisschen Glück haben.“ So oder so ähnlich hört man es oft von Autor*innen, die sich in welcher Form auch immer – Buchveröffentlichung, Preise usw. –bereits einen Namen im Literaturbetrieb gemacht haben. Ich glaube ihnen, dass sie das tatsächlich glauben, aber ich glaube nicht an ihr Glück.

Hinter diesem Glück steckt eigentlich Zeit und Geld. Um eine gewisse Sichtbarkeit zu erlangen muss man beides investieren können, unter anderem in die digitale und analoge Vernetzung mit anderen Autor*innen, in die eigenen Lesungen, in das Suchen von passenden Einreichungen für Preise und Zeitschriften, in das Einreichen selbst. Natürlich hilft es sehr, wenn man in der Lage ist, gute – wie auch immer das definiert sein mag – Texte zu schreiben. Aber um als Autor*in im Literaturbetrieb sichtbar zu werden, und zu erreichen, dass die eigenen Texte gelesen werden, dafür reichen gute Texte alleine nicht aus.

Diese Zeit in den eigenen Namen – die muss man nicht nur investieren wollen, die muss man auch investieren können. Dabei begünstigt der Literaturbetrieb vor allem Menschen, die beispielsweise keine Betreuungspflichten haben, sich in der „Sprache“ des Literaturbetriebs leicht zurechtfinden, extrovertiert sind usw. Es hat nicht jede*r das Geld, die Zeit, Lust und Möglichkeit, sich nach Abendveranstaltungen bei nicht gezähltem Alkoholkonsum literarisch fortzuschreiben.

Dafür muss man halt auch ein bisschen Zeit haben. Und wenn man diese Zeit schon hat, dann kann man sie zum Beispiel auch besser nutzen, indem man über seine eigenen Privilegien als Autor*in nachdenkt. Denn das Sprechen vom eigenen Glück ist nicht nur falsch, es blendet auch die dahinterstehenden Verhältnisse aus. Nur wenn wir diese klar im Blick haben, können wir die ausschließenden Mechanismen so verändern, dass auch Menschen mit weniger „Glück“ es einfacher haben aufgrund ihrer guten Texte im Literaturbetrieb sichtbar zu werden.

aber sie schläft nicht

er schaut ihr beim schlafen zu, sie schläft nicht, sie rührt sich nicht mehr, für ihn. später wird er ihr zärtlich übers haar streichen, während sie nur für ihn schläft, aber nicht schläft, später wird er sie nur ein bisschen am haar reißen, während sie nur für ihn-

sie zählt nicht immer, nur manchmal, ihr fleckiger körper, sie zählt, wenn sie schläft, wenn sie wach sein will, wenn sie schon will, zählt er. sie ist austauschbar, er könnte auch einer anderen beim schlafen zuschauen, einer anderen übers haar streichen, er könnte auch einer anderen ein bisschen-, er könnte auch für eine andere zählen, das wäre dann sie und auch die flecken hätten denselben farbverlauf.

er versichert ihr, dass niemand ihn so versteht wie sie; dass er noch nie ein so vertrautes gefühl wie mit ihr gehabt hätte; er füllt sie auf, er stopft sie aus, mit seinen erwartungen und mit seinem schwanz.

später ist sie dann eine andere, er merkt den unterschied kaum, sein gefühl ist ja dasselbe, es hat sich gefühlt nichts geändert, es. ist. LIEBE. er LIEBT sie. er schaut ihr zu, wie sie schläft.

Die Dauer meiner Wörter

eine aufzählung von dingen sein, die mir nicht fehlen dürften

1 UMARMUNG: unter meiner zunge der traum von letzter nacht, wie du mich zärtlich umarmt hättest und ich schreiend davon aufwachte, unter meiner haut bin ich so müde, bitte lass mich nie mehr von dir träumen;

1 BOSHEIT: du hattest mir das böse angezogen, weil du mich nicht sehen wolltest, nur meine wörter; also warfst du mich dir unter, bis schön & böse nicht mehr unterscheidbar waren, für mich

1 BEZIEHUNGSWEISE: die falschen abbiegungen anlächeln, um das ziel nicht erreichen zu müssen, unsere bleistiftspuren, ein spiegelspiel (ich schreibe noch immer alles klein, selbst deinen namen)

1 SCHMERZ: das sind die kalten fingerkuppen auf der tastatur; das ist das stechen im rückgrat; das ist ein never-ending-lovesong, gespielt mit fingernägeln, die über eine tafel kratzen und dabei abbrechen

die dauer meiner wörter: ich hab dir einen brief nicht geschrieben, solange!