Literatur & lass uns nur ein Spiel spielen

Ein Vergleich, den ich für den Literaturbetrieb in den letzten Jahren zu oft gehört habe, als Antwort darauf, dass ich “emotional zu involviert” wäre: Du musst das mehr wie ein Spiel sehen, Julia. Du darfst das nicht so ernst nehmen, du musst das lockerer sehen.

Unabhängig davon, ob ich jetzt den Literaturbetrieb als ein Spiel betrachten soll oder mein Leben als ein Spiel betrachten soll, der Vergleich kann nur von jemanden aufgestellt worden sein, der so privilegiert ist, dass ihn dieses „Spiel“ noch nie existenziell bedroht hat. Also von jemanden, der gewohnt ist, im Spiel zu gewinnen. 

Natürlich verstehe ich, woher dieser Spielvergleich kommt, gerade in Bezug auf den Literaturbetrieb. Ob jemand ein Stipendium bekommt oder nicht, in einer Literaturzeitschrift gedruckt wird oder nicht, mit einem Preis ausgezeichnet wird oder nicht – das alles wirkt so undurchsichtig, dass es uns wie ein Glücksspiel vorkommen kann.

Natürlich ergeben sich auch einige Vorteile daraus, wenn wir das alles wie ein Spiel betrachten: Wir und die anderen Autor*innen usw. sind dann nicht mehr als Spielfiguren. Auf diese muss ich dann wenig bis keine Rücksicht nehmen, schließlich ist es nur ein Spiel, das nichts mit uns als Menschen zu tun hat. Wenn du also wegen des Spiels verletzt bist, dann liegt das ausschließlich daran, dass du die Spielregeln nicht verstanden hast. Du musst das einfach lockerer nehmen.

Aber gleich wie die Rede vom Glück macht auch die Rede vom Spiel vor allem eines: Machtverhältnisse verschleiern, Privilegien ausblenden. Es ist einfach, alles locker zu nehmen, solange man sich alles locker nehmen kann. Solange wir mitspielen und so tun, als wäre alles Glück und Zufall und ein Spiel können wir nicht ernsthaft anfangen, uns mit den Problemen im Literaturbetrieb auseinanderzusetzen. Solange können wir nicht Verantwortung für unsere eigene Position übernehmen.

STÜCKWEISE

ich esse zitronenkuchen und sage, dass ich glücklich bin. ich weiß, dass es so ist, auch wenn ich es nur benenne, nicht empfinde. gerade eben: GLÜCK. solange ich es schreiben kann, das muss genügen. glück, in einer fremden stadt ohne einen einzigen eigenen gedanken oder glück, in einer fremden stadt und alle eigenen gedanken sind mit roter ölkreide übermalt, so, dass sie nur leicht durchschimmern, wenn ich mich im kopf in die falsche richtung drehe, aber sie bleiben im verborgenen, sind nicht mehr zu lesen. glück, ich kann also so tun, als ob sie nicht da wären.

seine stimme ist die rote ölkreide, mit der ich alles in mir anmale, bis keine weißen flecken, bis keine modernden sätze mehr zu sehen, zu fühlen sind. nur grelles rot, nur seine stimme, die mir manchmal weh tut. „würdest du mir sagen, wenn es dir nicht gut geht?“, hat er gefragt. ja, würde ich das? „nein“, aber dann ist es auch nicht zu übersehen, nicht zu übermalen, wenn es mir nicht gut geht, es ist eben nicht, nicht aufstehen in der früh und nicht essen den ganzen tag, nicht atmen und nicht schlucken und zu flüstern, „ich weiß nicht, ich bin so müde, ich weiß, du willst, dass ich dich ansehe, und ich will es ja, aber mit geschlossenen augen ist es einfacher“, und mich dafür zu entschuldigen, während er mir essen kocht, wenn er von der arbeit heimkommt, während er mich festhält, bis ich einschlafe.

ich in seinem bett, in seiner wohnung und er plant mich als seine zukunft, er will mich, mit mir einschlafen und ich will wieder aufwachen können, wo ich tatsächlich zuhause bin, aber was heißt „zuhause“, vermutlich nicht auf gängen mit bewegungslicht stehen und vermutlich selbst gewählte zahnpasta, vermutlich nicht jedes zweite wochenende vier stunden zu ihm fahren, bahnhöfe erreichen, aber nie wirklich ankommen. ich kann zwei romane lesen in den vier stunden oder aus dem fenster schauen und innerlich schreien.

ich esse zitronenkuchen, stück für stück, und wiederhole mir, dass ich glücklich bin. ich schreibe GLÜCK mit roter ölkreide auf rote ölkreide oder glück auf die serviette, die neben mir liegt. er dreht sich zu mir und sagt, svatba wäre ein wichtiges wort, ich solle es mir merken. ich lache und nicke und versuche, den sinn zu erhaschen, aber ich würde ALLES miteinander verwechseln, reden mit rot oder den himmel mit einer schürfwunde. ich kann nie das ganze stück kuchen essen, ich bin immer zu schnell zu voll, also schiebe ich es zu ihm rüber, obwohl ich besser mich zu ihm, obwohl ich sagen sollte, ich kann unser glück nicht fassen, obwohl ich doch so gern möchte, aber ich kann nicht in der wirklichkeit, in den momenten, in uns bleiben.

(was wirklich ist)

Ich träume, du bist in der WÜSTE, unter deinen Füßen nichts außer eine Sehnsucht nach mir, was du weißt: ich bin hier auch schon gewesen, verwischte Spuren, was du fühlst EINE FORM VON MIR in der du sein willst, weiter weg über die Verwehungen, was geschieht, wenn sie sich nicht mehr WÖLBEN sind das meine Verletzungen oder deine auf den DÜNEN sind sie (wenn du aufbrichst, dürfte ich dich innen behutsam auslecken oder auslegen mit meiner Zunge). Schau, wenn du den Sand vom Boden aufhebst, warum raschelt er in deiner Hand (Ist es meine SPRACHE die in dir zerbröselt)

Du versinkst langsam (ein Verstehen), du weißt von der DUNKELHEIT und siehst in die SONNE (sie kann dich auch nur blenden, wie ich, du denkst, es ist doch schön, so an mich zu denken, wie an einen HIMMELSKÖRPER), du versinkst langsam zwischen der Wirklichkeit und mir, was ist dir lieber, sie oder ich, ein Balancieren der FORMEN, wenn du mich im KOPF hast, denkst du nicht mehr, ich habe alles verwüstet, du legst dich in die DÜNEN (hier solltest du unsere Namen schreiben, aber der Wind lässt uns nicht zu), wenn du später nach deiner Sehnsucht oder nach mir gräbst und dann der Mond an deinen Händen klebt, wirst du dich dann fragen, was wirklich ist. 

Echo bleibt

in abgeänderter Form in mischen2/2019 und Entwürfe von mir | von uns erschienen.

ECHO BLEIBT

„Das, was du sagst, klingt so, als würdest du von mir reden.“
— „von mir reden, von mir reden, von mir reden“

Ich sollte Geschichten erzählen, ich konnte Geschichten erzählen. Das wurde mir so aufgetragen, das wurde mir so vorgegeben. Und ich habe das nicht hinterfragt, weil. Eine „Heilige“, eine Geschichte, eine Anmaßung. „Dieser Text wird dir als Makel ausgelegt werden“, warnen die Stimmen, im Kopf, im Chor, ja. Tatsächlich ist es eine Überschreitung, eine Übertretung jeglicher Fließgrenzen, die natürlich nur zur Übermüdung, zum Bruch führen wird, weil. Es ist auch das Schreiben eine Form des Sprechens, und. Die eigenen Wörter wurden mir weggenommen, deshalb. „Aus gutem Grund wurden sie dir entzogen“, so die Stimmen. Aus gutem Grund, und deswegen. Jeder Text ist ein Verrat, jeder Text ist ein Betrug, seitdem. Natürlich ist mir nur die Wiederholung, aber. Tatsächlich möchte ich doch etwas gänzlich anderes, und. „Es wird nicht gut enden“, sagen die Stimmen, aber. „Es ist dir doch nicht möglich“, sagen sie weiter, aber. „Es ist dir verboten“, sagen sie eindringlich, aber. Tatsächlich werde ich es trotzdem versuchen, nur. Dieses eine Mal will ich von mir reden.

I.

„Sei nicht immer so ein Opfer“
— „Opfer, Opfer, Opfer“

Wo ich herkomme, so sagt man, gäbe es viele Berge und Wälder, und. Dass es im Kleinen eine Weite gäbe, weniger Kontakt zu Menschen, weil. Die Besiedelung in den meisten Gebieten noch immer nicht so weit, ja. Dass sich da die Nachbarn noch kennen, die Kinder noch grüßen würden, aber hallo. Eine Schuld, ein Kreuz, eine Chimäre. „Besser wäre es, du würdest nicht weitersprechen“, tadeln die Stimmen, im Chor, im Kopf. „Du weißt doch, was immer mit jenen passiert, die darüber sprechen.“ Ja, aber. Wo ich herkomme, so sage ich, da gibt es Blutberge und Neidwälder, und. Dass in der Kleingeistigkeit ein Abgrund liegt, wenn, dann nur Gewalt in Menschen, weil. Die dünne Besiedelung macht in allem anämisch, und. Was sich da hinter verschlossenen Nachbartüren, dass. Solange sie nur „Grüß Gott“ plärren auf dem Weg zum Gasthaus, bleibt alles, gut. Dort liefern sie sich alle, aus. „Wir sind die Armen, die, die nichts haben“, schwitzt sich der Alkohol aus ihren Poren, und. Macht sie zu dem, was sie schon immer sein wollten, Opfer.

 „Ich meine es ernst. Ich spiele nicht mit dir“
— „nicht mit dir, nicht mit dir, nicht mit dir“

Als ich aus dem Schatten der Berge trat, und. Durch einen Wald, der tatsächlich sein Wald war, streifte, da. Sah ich ihn, und. Er traf mich, natürlich. „Lass uns hier zusammenkommen!“, rief er, weil. Ich dachte, er sei so liebestrunken wie ich, aber. Er wollte sich nur spiegeln, in mir, weil. „Hier zusammenkommen“, wiederholte ich herzklopfend, und. Ich zeigte mich offen, aber. Als er mich sah, erkannte er sich nicht in mir, und. Er wies mich zurück. Ein Schmerz, ein Schmerz, ein Schmerz. „Lächerlich, dass du dir Erwartungen und Hoffnungen gemacht hast“, höhnen die Stimmen, im Chor, im Kopf. „Niemand ist gut genug für ihn, warum solltest gerade du es sein?“ Damit haben sie recht, ich weiß, aber. Dennoch verhalte ich mich nicht danach, weil. Seitdem liebe ich immer nur seine Söhne, und. Wiederhole die ursprüngliche Kränkung, weil. Ich sie noch immer überschreiben will, aber. Das Spiel folgt immer denselben Regeln, und. Dieser Verlauf ist nicht zu brechen, weil. Am Ende steht immer meine Auslöschung, und. Jedes Mal bleibt von ihrer anfänglichen Begeisterung für mich nur übrig ein abweisendes „nicht mit dir“.

„Du bist nicht hübsch genug,
du bist nicht intelligent genug,
du bist nicht dünn genug,
du bist nicht laut genug,
du bist nicht schlagfertig genug,
du bist nicht groß genug,
du bist nicht politisch engagiert genug,
du bist nicht jung genug,
du bist nicht gelassen genug,
du bist nicht freizügig genug,
du bist nicht zurückhaltend genug,
du bist nicht mutig genug,
du bist nicht echt genug,
du bist echt nicht genug“
— „genug, genug, genug“

Es bleibt oft nur der Rückzug, weil. Es einfacher ist, sich zu verstecken, und. Aber wenn keine Höhle zum Verkriechen da ist, dann. Es bleibt nur, sich in sich selbst zu verstecken, weil. Den eigenen Körper zur Höhle zu formen, und. Dafür bleiben zwei Möglichkeiten, aber. Eine Liste, ein Rezept, eine Hölle. „Du versuchst immer zu ändern, was nicht zu ändern ist“, erklären die Stimmen, im Kopf, im Chor. „Das was du bist, wurde zu Beginn festgelegt, es ist deine Bestimmung, deine Ausbruchversuche sind sinnlos.“ Aber, ich muss daran glauben, dass ich mich ändern kann, sonst. Wenn ich nur mehr weniger werde, dann. Wenn ich ihnen nur entspreche, dann. Wenn ich das nicht schaffe, dann. Nur weil ich mich nicht genügend anstrenge, und. Weil ich noch immer nicht hart genug gegenüber mir selbst bin, und. Weil mein Körper noch immer nicht Festung genug ist, und. „Du willst doch gar nicht, dass sie dich ansehen“, so die Stimmen, aber. „Du hast doch tatsächlich Angst davor, dass jemand dich sieht“, so die Stimmen, aber. „Du willst gar keinen Körper, in dem sie sich spiegeln, du willst formlos sein“, so die Stimmen, aber. Trotzdem versuche ich, den eigenen Körper zur Hölle zu formen, natürlich. Es ist ihnen tatsächlich nie, genug.

„Wir schließen einen Pakt. Wir werde das niemals tun, versprochen?“
— „versprochen, versprochen, versprochen“

Über das Sonst soll ich am wenigstens sprechen, weil. Das könnte man mir am meisten vorwerfen, vor allem meine Schwestern werden es tun, weil ich sie damit verrate, und. Wenn ich schon denke, ich müsste unbedingt sprechen, dann solle ich doch bitte über Schöneres sprechen, weil. Ein Gedanke, eine Krankheit, ein Abgrund. „Du wirst doch dein Schicksal nicht auch noch zusätzlich herbeireden“, entrüstet die Stimmen, im Kopf, im Chor. „Wenn sie dich deswegen pathologisieren, dann hast du es verdient.“ Nur, kann ich nicht über mich selbst sprechen, wenn ich darüber nicht, weil. Wenn es etwas gibt, dass am Anfang stehen sollte, dann. Die Vorstellung zu verschwinden, sich auszulöschen, nicht mehr da zu sein, kam nicht erst durch die Zurückweisung durch ihn, nein. Das wurde tatsächlich immer falsch berichtet, und. Wenn ich spreche, dann auch, um diesen Irrtum richtig zu stellen, aber. Es ist für sie undenkbar, dass ich von mir aus, dass ich grundlos verschwinden wollte, denn. „Weil sie niemand wollte“, ist für sie der einzige denkbare Grund, natürlich. Von sich selbst aus nicht zu wollen, dass gestehen sie mir nicht zu, nein. Die Stimmen zwingen mich auch jetzt, sie sagen, ich müsste anführen, ich hätte mich nur versprochen.

II.

„Jetzt stell dich nicht so an, oder verstehst keinen Spaß?“
— „keinen Spaß, keinen Spaß, keinen Spaß“

Ich werde misstrauisch beäugt, weil. Ich bin hier eine Fremde, und. Sie können nicht verstehen, wie es mich aufs Land, ins Tal der Grausamkeiten verschlagen hat, weil. Ich gehöre doch in die Stadt mit dem Berg, aber. Eine Entscheidung, ein Irrweg, eine Lüge. „Damit hast du doch schon alles gesagt. Was willst du denn noch?“, zischen die Stimmen, im Chor, im Kopf. Nein, ich will, und. Man sagt, dort wo ich herkomme, gäbe es ein Gefälle zwischen Stadt und Land, natürlich. Ich sage, tatsächlich gibt es das nicht, weil. Am Land schimpft man auf die Fremden und auf die Stadt, während. Man besäuft sich im Gasthaus, und. Fickt die Frau seines Nachbarn, und. In der Stadt schimpft man auf die Fremden und auf das Land, während. Man besäuft sich im Gasthaus, und. Fickt die Frau seines Nachbarn, und. Ich versuche, das zu erklären, aber. Ich muss mich ständig wiederholen, und. Ich bin so müde, weil. Ich renne an gegen Trugbilder, aber. Diese sind wirklich, und. Diese Schleifen machen, keinen Spaß.

„Es tut mir so leid, aber ich ertrage keine Nähe“
— „keine Nähe, keine Nähe, keine Nähe“

Es gibt noch eine andere Version über meine Liebe, aber. Auch in dieser wurde ich abgewiesen, und. Auch für ihn war ich nicht Wider genug, aber. Ich kam ihm zugleich viel zu nah, und. Während es mich nach ihm verzehrte, hat er versucht, aber. Er hat zu viele andere verzehrt, und. Dabei habe ich ihn beobachtet, zumindest. Er hat kein Instrument aus mir geformt, auf dem er spielen kann, aber. Ein Betrug, eine Sucht, ein Gemetzel. „Wie kannst du ihn mögen, wenn du doch weißt, wie er deine Schwestern behandelt, denen er nachstellt?“, verachtend, im Chor, die Stimmen, im Kopf. „Du machst dich zur Komplizin, zu seiner Komplizin.“ Ich würde gerne entgegnen, aber. Dass die Betrachtung zu hart sei, weil. Dass man das doch auch anders sehen könne, aber. Und dass ich es nur nicht tue, weil. Tatsächlich will ich nicht darüber nachdenken, ob. Es nicht doch stimmen wird, natürlich. Ich übe mich in Distanz, aber. Nur zu den eigenen Gedanken, weil. Zu ihm schaffe ich es nicht, nur. Zu ihnen will ich keine Nähe.

„Du ziehst dich immer zu schnell aus“
— „schnell aus, schnell aus, schnell aus“

Wenn ich mich bloß anders verhalten, und. Wenn ich nur nicht Echo, und. Wenn ich mehr weniger, und. Ein Kreisel, eine Gier, ein Selbstversuch. „Leichter wäre es, du würdest endlich einsehen, was dein Schicksal ist. Es ist kein Wunder, dass sie dich nicht wollen, wenn du dich ihnen immer gleich offenbarst “, kommentieren die Stimmen, im Chor, im Kopf. Nein, das stimmt so nicht, und. Tatsächlich wehre ich mich vehement gegen diese Sichtweise, und. Daran kann es nicht, weil. Wir sind doch darüber längst hinaus, und. „Seine Söhne wollen natürlich jagen“, so die Stimmen, aber. „Seine Söhne wollen, dass ihre Trophäen nicht so leicht zu erlegen sind wie du“, so die Stimmen, aber. „Seine Söhne wollen sich ihre Risse ehrenvoll verdienen“, so die Stimmen, aber. Ich will doch niemandes Pokal sein, und. Ich will doch für niemanden etwas sein, mit dem er sich schmückt, und. Mit dem er sich rühmt, und. Dann will ich lieber gar nicht, bitte bitte lasst mich, schnell schnell schnell aus.

„Du weißt, du kannst mich jederzeit- du würdest mich doch anrufen?“
— „anrufen, anrufen, anrufen.“

Dass es einen Fluss gäbe, so wird geflüstert, über den man in eine Welt gelangen würde, und. Meine Schwestern und ich haben oft darüber geredet, dass. Es ist eine friedlichere Vorstellung als von Würmern zerfressen zu werden, aber. Ein Zug, eine Nachricht, ein Verrat. „Für dich gibt es weder das eine noch das andere, du wirst einfach verschwinden. Du wirst dich selbst auslöschen“, säuseln die Stimmen, im Kopf, im Chor. Aber, bleibt mir denn wirklich nichts, außer sonst? Auch das ist eine Wiederholung, und. Ich bin müde, und. Ich schreibe Listen, sonst. Ich notiere genau, was ich alles noch tun muss, sonst. Ich dokumentiere im Detail, ob ich mich richtig verhalten habe, sonst. Ich setze mir Deadlines, bis zu denen ich jenes und dies geschafft haben muss, sonst. Jeden Schritt setze ich nur, um weniger Echo und mehr ich zu sein, sonst. Insgeheim aber bleibt sonst mein einziges Anrufen.

III.

„Normalerweise würde ich mit Menschen wie dir nicht reden.“
— „nicht reden, nicht reden, nicht reden.“


Seine Schwestern soll man nicht verlassen, und. Sie haben mich dafür bewundert, weil. Ich es trotzdem getan habe, aber. Ein Abschied, eine Isolation, ein Einschnitt. „Bist du, b-b-b-ist du eine einsame kleine Echo? Hmm? Haben wir dir das nicht von Anfang gesagt? Kannst du noch etwas anderes außer dich jammernd zu wiederholen, du bedauernswertes, armes Ding“, höhnen die Stimmen, im Kopf, im Chor. Um mich rauscht alles immer mehr, und. Manchmal lasse ich es noch mehr rauschen in meinen Echokammern unter blauem Licht, dann. Ich schaffe es fast, das Rauschen mit Wärme zu verwechseln, aber. Wie natürlich färbt sich die Welt gerade wieder in ihre alten Farben ein, und. Wieder und wieder und wieder und wieder und wieder, nur. Davon will ich nichts wissen, und. Davon will ich tatsächlich nicht reden.

„Es liegt nicht an dir“
— „an dir, an dir, an dir“

Ihr Begehren für meinen Körper war immer ein Verrat an mir, und. Vieles könnte ich verzeihen, aber. Das was seine Söhne mir angetan haben niemals, und. Ein Rätsel, eine Fahrt, ein Riss. „Oh, meine Liebe, oh– dreh dich, um. Sieh uns, an– ja, meine Liebe, ja– genauso, genau so, wie wir dich wollen“, parodieren die Stimmen, im Kopf, im Chor. Ich halte mich zu, aber. Selbst dann kann ich sie, sie noch, und. Auch dann kann ich noch ihr, ihr Greifen in meinen Körper, und. Ihre, ihre Abdrücke auf mir, ihre, ihre Schlieren an mir, und. In Wellen schlitzen sie, sie, sie ihre, ihre, ihre Handlungen in mich hinein, und. Tatsächlich blutet aus ihren, ihren, ihren Rissen auf meinem Körper ihr, ihr, ihr ‚es läge nur an dir’.


„Komm, jetzt hör auf. Das ist wieder typisch. Du bist einfach verbittert und grausam.“
— „und grausam, und grausam, und grausam.“


Ich habe Angst davor, zu schlucken. Alles würden die Schwestern mir verzeihen, aber. Das was ich mir damit angetan habe niemals, und. Eine Farbe, ein Faden, eine Entfernung. „Gut siehst aus. Gut siehst du schlecht aus. Schlecht sein steht dir gut, genau so soll es sein“, schmatzen die Stimmen, im Chor, im Kopf. Ja, aber. Ich strenge mich doch, aber. Ich kann nichts mehr mehr mehr runterschlucken, und. Wenn ich versuche, darüber, darüber, nein, nein, nein. Natürlich natürlich, tatsächlich tatsächlich, und. Grausam.


„Aber ich verstehe einfach nicht warum“
— „warum, warum, warum“

Der Grund, warum die Menschen hier von den Brücken fallen wie die Fliegen, ist, weil. Es ist die einzige Möglichkeit, dem Tal wieder zu entkommen, und. Ein Geländer, eine Nacht, ein Fall. Die Stimmen lachen, im Chor, im Kopf, und. Das, was ich sprechen will, ist. Bitte sagt meinen meinen meinen Schwestern, sagt ihnen, bitte bitte bitte. Das das das ist ist ist, warum sonst, warum sonst, warum.

IV.

Das was du sagst, klingt so, als würdest du von mir reden. Von mir reden. Von mir reden. Von mir reden. Sei nicht immer so ein Opfer. Opfer. Opfer. Opfer. Ich meine es ernst, ich spiele nicht mit dir. Nicht mit dir. Nicht mit dir. Nicht mit dir. Du bist nicht hübsch genug, du bist nicht intelligent genug, du bist nicht dünn genug, du bist nicht laut genug, du bist nicht schlagfertig genug, du bist nicht groß genug, du bist nicht politisch engagiert genug, du bist nicht jung genug, du bist nicht gelassen genug, du bist nicht freizügig genug, du bist nicht zurückhaltend genug, du bist nicht mutig genug, du bist nicht echt genug, du bist echt nicht genug. Genug. Genug. Genug. Wir schließen einen Pakt. Wir werde das niemals tun, versprochen? Versprochen. Versprochen. Versprochen. Jetzt stell dich nicht so an, oder verstehst keinen Spaß? Keinen Spaß. Keinen Spaß. Keinen Spaß. Es tut mir so leid, aber ich ertrage keine Nähe. Keine Nähe. Keine Nähe. Keine Nähe. Du ziehst dich immer zu schnell aus. Schnell aus. Schnell aus. Schnell aus. Du weißt, du kannst mich jederzeit- du würdest mich doch anrufen? Anrufen. Anrufen. Anrufen. Normalerweise würde ich mit Menschen wie dir nicht reden. Nicht reden, nicht reden, nicht reden. Es liegt nicht an dir. An dir. An dir. An dir. Komm, jetzt hör auf. Das ist wieder typisch du. Du bist einfach verbittert und grausam. Und grausam. Und grausam. Und grausam. Aber ich verstehe einfach nicht warum. Warum. Warum. Warum.

„Was geht, wenn Echo bleibt?“
— „Echo bleibt, Echo bleibt, Echo bleibt Echo“

1 lila Wollschal

Wind ist auch immer ein Abgrund, Schneeflocken machen ihm Angst. Heute fällt nichts vom Himmel, das ist gut, das ist gut, aber etwas zog ihn trotzdem nach unten: er hatte meinen lila Schal verloren. Ich hatte ihn von meiner Mutter geschenkt bekommen und er war mir lieb, er war mir teuer, wie man so schön sagt, wenn der Tag sich in die Länge zieht wie Kaugummi und die Träume dich wieder einmal mit Haut und Haaren verschlingen wollen. Träume sind Schäume sind Bäume! Er würde ihnen allen ausweichen müssen, für den Schal, für mich, denkt er, während er das Haus verlässt. In welche Richtung soll ich mich drehen, fragt mich der Wind. Ich flüstere, lass ihn für den Moment gewähren. Es ist also windstill, als er vor die Türe tritt. Deswegen kann er einen Fuß vor den anderen setzen, immer schön den Bäumen ausweichend und sich rückwärts durch die Zeit bewegend, was, so denkt er jetzt, mir meinen lila Schal zurückbringen wird.

Bild: Kathrin Pflegerl

die farben, die wörter-

Draußen ist es weiß. Es schneit Seiten. Die Seiten stürzen gegen die Fenster. Ich stelle mir vor, ich reiße, nein, ich öffne meine Fenster weit. Ich will das Glas durch das Papier brechen, ich denke ständig, an das Papier, wie es sich anfühlt, wenn ich darüber streiche, es hat sich so vertraut, nein, es hat sich so wirklich angefühlt, zwischen, nein, unter, nein, in meinen Fingern. „Weißt du, was geschieht, wenn du die Wörter mittig setzt?“, schreibst du, nein, schreibt er, und ich lache oder ich lächle und dann verstecke ich Umarmungen genau in der Mitte der Blätter, ja, und sehe zu, wie sie nach unten fallen, immer weiter, auf ihn, auf dich. „Versuch sie doch, zu fangen“, will ich ihm zuflüstern, aber er hört mich nicht. „Versuch sie doch“, will ich dir zurufen, aber du willst sie nicht, wirklich, auffangen, meine Wörter.

[…]

„Pass auf, dass du dich nicht verschneidest.“ Aber ich mache keine Fehler mehr, ich kann durch Menschen gehen wie eine Maschine. Ich weiß, wo wir ansetzen, meine Schnittmarken im Kopf, seine Schnittmarken im Körper, unsere Schnittmarken auf dem Papier. Ich weiß, wie viel weg muss, was man sehen soll und was nicht gesehen werden darf. Damit es perfekt aussieht. Schnitt für Schnitt unseren roten Linien entlang. Ich übe genügend Druck aus, um durch alle Seiten zu kommen. Das Überflüssige fällt. Bedeckt den Boden, sanft. Ich werde eingeschneit. Meine Hände schmerzen und färben sich rot.

Literaturbetrieb & Glück haben

„Man muss halt auch ein bisschen Glück haben.“ So oder so ähnlich hört man es oft von Autor*innen, die sich in welcher Form auch immer – Buchveröffentlichung, Preise usw. –bereits einen Namen im Literaturbetrieb gemacht haben. Ich glaube ihnen, dass sie das tatsächlich glauben, aber ich glaube nicht an ihr Glück.

Hinter diesem Glück steckt eigentlich Zeit und Geld. Um eine gewisse Sichtbarkeit zu erlangen muss man beides investieren können, unter anderem in die digitale und analoge Vernetzung mit anderen Autor*innen, in die eigenen Lesungen, in das Suchen von passenden Einreichungen für Preise und Zeitschriften, in das Einreichen selbst. Natürlich hilft es sehr, wenn man in der Lage ist, gute – wie auch immer das definiert sein mag – Texte zu schreiben. Aber um als Autor*in im Literaturbetrieb sichtbar zu werden, und zu erreichen, dass die eigenen Texte gelesen werden, dafür reichen gute Texte alleine nicht aus.

Diese Zeit in den eigenen Namen – die muss man nicht nur investieren wollen, die muss man auch investieren können. Dabei begünstigt der Literaturbetrieb vor allem Menschen, die beispielsweise keine Betreuungspflichten haben, sich in der „Sprache“ des Literaturbetriebs leicht zurechtfinden, extrovertiert sind usw. Es hat nicht jede*r das Geld, die Zeit, Lust und Möglichkeit, sich nach Abendveranstaltungen bei nicht gezähltem Alkoholkonsum literarisch fortzuschreiben.

Dafür muss man halt auch ein bisschen Zeit haben. Und wenn man diese Zeit schon hat, dann kann man sie zum Beispiel auch besser nutzen, indem man über seine eigenen Privilegien als Autor*in nachdenkt. Denn das Sprechen vom eigenen Glück ist nicht nur falsch, es blendet auch die dahinterstehenden Verhältnisse aus. Nur wenn wir diese klar im Blick haben, können wir die ausschließenden Mechanismen so verändern, dass auch Menschen mit weniger „Glück“ es einfacher haben aufgrund ihrer guten Texte im Literaturbetrieb sichtbar zu werden.

aber sie schläft nicht

er schaut ihr beim schlafen zu, sie schläft nicht, sie rührt sich nicht mehr, für ihn. später wird er ihr zärtlich übers haar streichen, während sie nur für ihn schläft, aber nicht schläft, später wird er sie nur ein bisschen am haar reißen, während sie nur für ihn-

sie zählt nicht immer, nur manchmal, ihr fleckiger körper, sie zählt, wenn sie schläft, wenn sie wach sein will, wenn sie schon will, zählt er. sie ist austauschbar, er könnte auch einer anderen beim schlafen zuschauen, einer anderen übers haar streichen, er könnte auch einer anderen ein bisschen-, er könnte auch für eine andere zählen, das wäre dann sie und auch die flecken hätten denselben farbverlauf.

er versichert ihr, dass niemand ihn so versteht wie sie; dass er noch nie ein so vertrautes gefühl wie mit ihr gehabt hätte; er füllt sie auf, er stopft sie aus, mit seinen erwartungen und mit seinem schwanz.

später ist sie dann eine andere, er merkt den unterschied kaum, sein gefühl ist ja dasselbe, es hat sich gefühlt nichts geändert, es. ist. LIEBE. er LIEBT sie. er schaut ihr zu, wie sie schläft.

Die Dauer meiner Wörter

eine aufzählung von dingen sein, die mir nicht fehlen dürften

1 UMARMUNG: unter meiner zunge der traum von letzter nacht, wie du mich zärtlich umarmt hättest und ich schreiend davon aufwachte, unter meiner haut bin ich so müde, bitte lass mich nie mehr von dir träumen;

1 BOSHEIT: du hattest mir das böse angezogen, weil du mich nicht sehen wolltest, nur meine wörter; also warfst du mich dir unter, bis schön & böse nicht mehr unterscheidbar waren, für mich

1 BEZIEHUNGSWEISE: die falschen abbiegungen anlächeln, um das ziel nicht erreichen zu müssen, unsere bleistiftspuren, ein spiegelspiel (ich schreibe noch immer alles klein, selbst deinen namen)

1 SCHMERZ: das sind die kalten fingerkuppen auf der tastatur; das ist das stechen im rückgrat; das ist ein never-ending-lovesong, gespielt mit fingernägeln, die über eine tafel kratzen und dabei abbrechen

die dauer meiner wörter: ich hab dir einen brief nicht geschrieben, solange!

szene 23

despair ist ein violetter faden und ich trage fusseln davon als pullover. anxiety ist ein stahldraht, der sich in spiralen durch den körper bohrt. an manchmalstagen ist friendship weiße zuckerwatte, an anderen übergebe ich mich

guilt ist ein moor, in dem ich wate und wenn ich stolpere, darin untergehe. love ist eine durchsichtige ranke, die ich nicht sehen kann, wenn sie voller fusseln ist oder voll schlamm. dann wird ich liebe dich eine last, ein schlag