aber heute bin nur ich wach

(1)

du schreibst, du kannst in den nächten nicht schlafen, du schreibst, in allen!, aber heute bin nur ich wach zwischen atmen und dem mondlicht, graublauer himmel, deine stimme im ohr, sachen die weh tun könnten weil.

(2)

ich träume zb dass du mich umarmst (oder ich dich?), dann wache ich auf und denke, viel zu intensiv. das war jetzt zu viel. dann heute. (auch kann ich nicht vergessen, wie du dich in die sonne gestellt hast, das nicht)

(3)

(welche farben schreiben für mich hat)

(4)

bitte sag mir, wenn du wirklich wirklich gehst, damit ich die luft anhalten und untertauchen kann zwischen anderen seiten, solange bis ich vergessen habe, dass du das wirklich genau so wolltest

(5)

chlor gegen das fehlen;

(6)

in mir ist alles so weich wie schaumgummi und mein körper ist so weich und alles ist verbogen und ich hab keine kraft, weil alles so weich und leicht ist, ich glaub, ich bin aus stoff, ich bin 1 puppe

(7)

(ghosting)

(8)

dieses durch mich schauen, so als wäre ich ein glas ohne fenster, als wäre ich eben nicht, kein rahmen, nur splitter, unsichtbar und wenn du über mich drüber gehst und es knirscht, denkst du, da war doch irgendwas, aber ich soll mir keinen kopf machen, wegen dem gegenteil von sein, aufhören, zu fühlen, vor jahren, da war ich, möchte ich sagen, da wusste ich nicht, was es wirklich bedeutet, ein geist zu werden, jetzt habe ich zeitstempel als beweise, wann ich aufgehört habe, zu existieren

die müdigkeit war sehr verführerisch

(1)

die splitter unter deiner haut, meine ausgestreckte hand und die fehlenden schuhbänder, und jetzt sagst du, ich will, dass es reicht (du hast noch immer alles ohne betäubungsmittel geschafft, auch mich, dann die brücke, aber wie schrei ich um hilfe unter wasser)

(2)

liste der dinge, die mich beruhigen:
nr 106 fotos von fenstern, die zugemauert und kaputt sind

(3)

wir gehen kaputt durch die welt, wenn wir schatten finden, bleiben wir stehen, wenn sich unsere blicke treffen, geht die welt kaputt

(4)

manchmal ist es mehr und dann ist es nichts

(5)

ich will alles aufheben, es soll nichts bleiben, oder mich in einer träne einsperren wie in so 1 schneekugel

(6)

das gesicht verlieren

(7)

ich werde sagen können, damals. also damals in ÖSTERREICH. da hab ich grad ganz viele selfies von meinem gesicht gemacht (weil ich mir so FREMD war). das hab ich getan, als das damals gekommen ist, werde ich sagen. und, ich war so müde ständig. man muss das auch verstehen, dass. werde ich sagen.

die müdigkeit war sehr verführerisch, man fängt an zu glauben, man könnte sich vielleicht kurz hinlegen, nur ein bisschen rasten. nur kurz mal die augen vor allem schließen, weil das hinschauen so anstrengend ist. aber dann wacht man nicht mehr.

aber man hatte das ja nicht gewollt, man war nicht einverstanden gewesen. es war zuviel und es war einfacher mit geschlossenen augen. es war soviel einfacher, nicht zu sehen

Papierboote falten

(1)

manchmal erschrecke ich, dann sage ich mir, es ist alles gut, Menschen sind nur Gespenster, sie tauchen auf und verschwinden wieder, einfach so, weil du ihnen nichts bedeutet, sie erschüttern dich und verschwinden, ich verblasse

(2)

Ist das 1 Literatur oder 1 Sonnenlicht?

(3)

Ich mag zb Gefühle für dich, weil wir uns so nah sind, näher als möglich, ich habe noch viele schöne Wörter, ich schütte sie in eine Badewanne, ich bastle Boote aus Papier und lasse sie schwimmen, du zeichnest eine Sonne für mich

(4)

Ich bin in 1 rosa Flauschwolle gewickelt, die Füße in Eiscreme getaucht (Vanilla), ich niese und denke an Porzellanblumen und an Skorpione und daran, wie deine Hand (ich weine nicht, ich stimme nur)

(5)

In Lichtern Falltüren erkennen usw.

(6)

Du zeichnest mir ein Herz und sagst, schlage, ich schreibe dir, den Takt, ich schreibe dir Symbolbilder, ich schreibe über Mangos, du zeichnest mir einen Obstkorb, ich will, dass es aufhört zu regnen, ich lasse die Wörter aus, sie verstopfen den Abfluss, ich weine, wir gehen aus

1 memory spiel oder 1 blume, keine gegenwart zb

(I)

wenn, sehe ich uns in weiß getaucht, 1 angabe oder 1 schuld zb was wir unseren lieben servieren, essen oder absichten zb pragmatische Entscheidungen haben wir in der schule gelernt, 1 ausgang oder 1 bilanz zb ich kann sagen, es ist gut so, 1 sprachnachricht, 1 ablenkung, 1 lüge zb

dass es in meinen ohren surrt, ein ungleichgewicht zb dass es in dich kippt, eine müllhalde oder ein vulkan zb dass wir uns gegenüber stehen und nur ein sieb oder eine farbe erkennen zb

(II)

was mir fehlt zb 1 anfang und 2 socken, die sich mögen

(III)

etwas gegen dich lehnen, 1 regal oder mich selbst zb ob du umfällst oder mich umfängst, 1 rahmen oder 1 sturz zb weil es schüttet, 1 tatsache oder 1 ausruf zb wenn wir nass werden, will ich, dass wir aus sand sind, oder zucker zb

dass mir der linke fuß eingeschlafen ist, ein symptom zb dass du mich verschlungen hast als krokodil oder als wal zb dass am morgen etwas meine augen verklebt, fruchtfleisch oder speiseeis zb

(IV)

wenn ich uns denke, dann ohne unsere leben, zuckerwatte, die sich im wasser auflöst zb

(V)

dass du von salzwasser erzählst, kristalle oder 1 zug nehmen zb dass du bedingungslos bist, für meine fehler oder fotos zb dass sich unsere gedanken nicht mehr unterscheiden, 1 memory spiel oder 1 blume, keine gegenwart zb

an dich denken zb dass es mir lieb wäre, du legst mich offen, als karte oder als gedanke, 1 abheben, zwei, drei, vier, x male wunden usw.

(VI)

wir befinden uns an 1 neuen ORT, 1 warnung oder 1 warmer kakao zb du schreibst, du kannst dich nicht erinnern, dass du geschrieben hast, liebe oder entscheidungen zb wir befinden uns an 1 alten ort, 1 wiederholung oder 1 klischee zb ich will dich wieder (holen und wiederholen)

ich will das auflösen, 1 katze oder 1 faden zb die definition davon, was 1 hügel ist, 1 illusion oder 1 abschied zb etwas verschiebt sich immer, 1 hand oder 1 vorhang zb ich will mir dich vorstellen oder vor stellen, vor 1 glas oder 1 schuhregal zb

(VII)

der ekel vor mir selbst trägt heute grün zb

dich anrufen, damit mich deine stimme beruhigt; was ich dir zumute zb

(VIII)

die abstände zb sich dreimal hinlegen, weiter, alles ausweißeln, ausweißeln, weiter, die roten stellen weiter, sich fünfmal drehen zb die wörter heizen nicht mehr

wir können immer so weiter gehen machen schreiben zb liebe klein, damit sie nicht weh tut, 1 welle, die uns nie trifft, trocken über die tastatur schweben

(IX)

was es bedeutet zb die stillen träume oder getränke, 1 warnung, ein aufeinander zu gehen, wir 2 türen ohne raum

die ungelesenen texte, du schreibst 27 zb

(X)

alles was ich schreibe ist schaumstoff und saugt flüssigkeiten auf zb

Gespenster:bezüge

Aus jedem Textbezug kann ich ein Gespenst basteln, wenn ich das wirklich, wirklich will. Abhängig davon, wie mein Blick fällt, spukt es oder nicht. Das ist vielleicht, diese Entscheidung, was als Spielraum möglich scheint, aber es ändert nichts, an dem was ist, nichts, an dem, was darin stehen könnte. Was bleibt, ist ein Unbehagen.

Das Unbehagen richtet sich an das Unheimliche der Bezüge, deren Entstehung im Dunkeln liegen. Es ist kein Geheimnis zwischen uns, sondern eines der Texte. Eine Qualle am Strand verliert ihre Form, die Texte haben sie schon verloren, auch wenn sie in die Produktion getaucht, nach außen, noch als Romane oÄ erscheinen (worüber wir lachen).

Das Unbehagen richtet sich an die Gewalt der Bezüge, welche die Texte übersteigen, sich in meinen Körper einschreiben wollen. Ich will nichts vom SCHICKSAL hören, dass durch sie duchzurauschen scheint. Ich will mich dem nicht ausliefern müssen, sondern verstehen, darauf antworten vielleicht: mit meiner eigenen Abwesenheit.

[Jedes Beispiel für ein Gespenst kann nur ein Fehlen sein – wie soll ich Gespenster konkret benennen, ich habe ja keine Beweise für sie; es würde nur dazu führen, dass meine Vorstellungskraft belächelt würde: Du bildest dir das nur ein, da ist ja nichts, das ist nur dein Gefühl. Mein Gefühl ist ein Gespenst, es trügt.]

Aus jedem Gespenst kann ich einen Textbezug basteln, wenn ich das wirklich, wirklich will. Abhängig davon, wie dein Blick fällt, wird es dich verfolgen oder nicht. Das ist vielleicht, diese Entscheidung, was als Spielraum möglich scheint, aber es ändert nichts, an dem was ist, nichts, an dem, was darin stehen könnte. Was bleibt, ist nicht.

draußen 1 gespenst

das mit den anrufen, versprich mir, helenas hand war klebrig und feucht auf ihrer, die Umarmung zu lange; sie hatte die Karte mit der Telefonnumer in ihre Nachttischublade gelegt, unter die Schlaftabletten.

das ist doch grausam, hatte ihre Schwester gerufen, aber es war das falsche Wort; sie liebte sie dafür, sie hatte das Wasser in der Dusche aufgedreht und ins Waschbecken gekotzt.

das es nicht greifbar wäre, Melanies zögernde Stimme in ihrem Ohr, wohinter sie Konkretes vermutete; sie hatte dann einen Stift genommen, um Löcher in ihre Vagheit zu schreiben:

was ich über das Verschwommene festhalten will: Es gab da diesen Zeitungsbericht, den ich aufgehoben habe, von einer jungen Frau, die in den 1990er Jahren versuchte, alle öffentlichen Spiegelflächen in ihrer Stadt zu zerschlagen, weil daraus der Nebel und die Stimmen kamen. Eine psychisch verwirrte 23-Jährige. Jedes Mal, wenn ich den kurzen Zeitungsbericht über ihre Festnahme lese, muss ich weinen.

(auf der nächsten Seite, in einer anderen Farbe (rot) quer über das Blatt geschrieben):

WELCHE NAMEN TRAGEN LÖCHER?

STÜCKWEISE

ich esse zitronenkuchen und sage, dass ich glücklich bin. ich weiß, dass es so ist, auch wenn ich es nur benenne, nicht empfinde. gerade eben: GLÜCK. solange ich es schreiben kann, das muss genügen. glück, in einer fremden stadt ohne einen einzigen eigenen gedanken oder glück, in einer fremden stadt und alle eigenen gedanken sind mit roter ölkreide übermalt, so, dass sie nur leicht durchschimmern, wenn ich mich im kopf in die falsche richtung drehe, aber sie bleiben im verborgenen, sind nicht mehr zu lesen. glück, ich kann also so tun, als ob sie nicht da wären.

seine stimme ist die rote ölkreide, mit der ich alles in mir anmale, bis keine weißen flecken, bis keine modernden sätze mehr zu sehen, zu fühlen sind. nur grelles rot, nur seine stimme, die mir manchmal weh tut. „würdest du mir sagen, wenn es dir nicht gut geht?“, hat er gefragt. ja, würde ich das? „nein“, aber dann ist es auch nicht zu übersehen, nicht zu übermalen, wenn es mir nicht gut geht, es ist eben nicht, nicht aufstehen in der früh und nicht essen den ganzen tag, nicht atmen und nicht schlucken und zu flüstern, „ich weiß nicht, ich bin so müde, ich weiß, du willst, dass ich dich ansehe, und ich will es ja, aber mit geschlossenen augen ist es einfacher“, und mich dafür zu entschuldigen, während er mir essen kocht, wenn er von der arbeit heimkommt, während er mich festhält, bis ich einschlafe.

ich in seinem bett, in seiner wohnung und er plant mich als seine zukunft, er will mich, mit mir einschlafen und ich will wieder aufwachen können, wo ich tatsächlich zuhause bin, aber was heißt „zuhause“, vermutlich nicht auf gängen mit bewegungslicht stehen und vermutlich selbst gewählte zahnpasta, vermutlich nicht jedes zweite wochenende vier stunden zu ihm fahren, bahnhöfe erreichen, aber nie wirklich ankommen. ich kann zwei romane lesen in den vier stunden oder aus dem fenster schauen und innerlich schreien.

ich esse zitronenkuchen, stück für stück, und wiederhole mir, dass ich glücklich bin. ich schreibe GLÜCK mit roter ölkreide auf rote ölkreide oder glück auf die serviette, die neben mir liegt. er dreht sich zu mir und sagt, svatba wäre ein wichtiges wort, ich solle es mir merken. ich lache und nicke und versuche, den sinn zu erhaschen, aber ich würde ALLES miteinander verwechseln, reden mit rot oder den himmel mit einer schürfwunde. ich kann nie das ganze stück kuchen essen, ich bin immer zu schnell zu voll, also schiebe ich es zu ihm rüber, obwohl ich besser mich zu ihm, obwohl ich sagen sollte, ich kann unser glück nicht fassen, obwohl ich doch so gern möchte, aber ich kann nicht in der wirklichkeit, in den momenten, in uns bleiben.

(was wirklich ist)

Ich träume, du bist in der WÜSTE, unter deinen Füßen nichts außer eine Sehnsucht nach mir, was du weißt: ich bin hier auch schon gewesen, verwischte Spuren, was du fühlst EINE FORM VON MIR in der du sein willst, weiter weg über die Verwehungen, was geschieht, wenn sie sich nicht mehr WÖLBEN sind das meine Verletzungen oder deine auf den DÜNEN sind sie (wenn du aufbrichst, dürfte ich dich innen behutsam auslecken oder auslegen mit meiner Zunge). Schau, wenn du den Sand vom Boden aufhebst, warum raschelt er in deiner Hand (Ist es meine SPRACHE die in dir zerbröselt)

Du versinkst langsam (ein Verstehen), du weißt von der DUNKELHEIT und siehst in die SONNE (sie kann dich auch nur blenden, wie ich, du denkst, es ist doch schön, so an mich zu denken, wie an einen HIMMELSKÖRPER), du versinkst langsam zwischen der Wirklichkeit und mir, was ist dir lieber, sie oder ich, ein Balancieren der FORMEN, wenn du mich im KOPF hast, denkst du nicht mehr, ich habe alles verwüstet, du legst dich in die DÜNEN (hier solltest du unsere Namen schreiben, aber der Wind lässt uns nicht zu), wenn du später nach deiner Sehnsucht oder nach mir gräbst und dann der Mond an deinen Händen klebt, wirst du dich dann fragen, was wirklich ist. 

Echo bleibt

in abgeänderter Form in mischen2/2019 und Entwürfe von mir | von uns erschienen.

ECHO BLEIBT

„Das, was du sagst, klingt so, als würdest du von mir reden.“
— „von mir reden, von mir reden, von mir reden“

Ich sollte Geschichten erzählen, ich konnte Geschichten erzählen. Das wurde mir so aufgetragen, das wurde mir so vorgegeben. Und ich habe das nicht hinterfragt, weil. Eine „Heilige“, eine Geschichte, eine Anmaßung. „Dieser Text wird dir als Makel ausgelegt werden“, warnen die Stimmen, im Kopf, im Chor, ja. Tatsächlich ist es eine Überschreitung, eine Übertretung jeglicher Fließgrenzen, die natürlich nur zur Übermüdung, zum Bruch führen wird, weil. Es ist auch das Schreiben eine Form des Sprechens, und. Die eigenen Wörter wurden mir weggenommen, deshalb. „Aus gutem Grund wurden sie dir entzogen“, so die Stimmen. Aus gutem Grund, und deswegen. Jeder Text ist ein Verrat, jeder Text ist ein Betrug, seitdem. Natürlich ist mir nur die Wiederholung, aber. Tatsächlich möchte ich doch etwas gänzlich anderes, und. „Es wird nicht gut enden“, sagen die Stimmen, aber. „Es ist dir doch nicht möglich“, sagen sie weiter, aber. „Es ist dir verboten“, sagen sie eindringlich, aber. Tatsächlich werde ich es trotzdem versuchen, nur. Dieses eine Mal will ich von mir reden.

I.

„Sei nicht immer so ein Opfer“
— „Opfer, Opfer, Opfer“

Wo ich herkomme, so sagt man, gäbe es viele Berge und Wälder, und. Dass es im Kleinen eine Weite gäbe, weniger Kontakt zu Menschen, weil. Die Besiedelung in den meisten Gebieten noch immer nicht so weit, ja. Dass sich da die Nachbarn noch kennen, die Kinder noch grüßen würden, aber hallo. Eine Schuld, ein Kreuz, eine Chimäre. „Besser wäre es, du würdest nicht weitersprechen“, tadeln die Stimmen, im Chor, im Kopf. „Du weißt doch, was immer mit jenen passiert, die darüber sprechen.“ Ja, aber. Wo ich herkomme, so sage ich, da gibt es Blutberge und Neidwälder, und. Dass in der Kleingeistigkeit ein Abgrund liegt, wenn, dann nur Gewalt in Menschen, weil. Die dünne Besiedelung macht in allem anämisch, und. Was sich da hinter verschlossenen Nachbartüren, dass. Solange sie nur „Grüß Gott“ plärren auf dem Weg zum Gasthaus, bleibt alles, gut. Dort liefern sie sich alle, aus. „Wir sind die Armen, die, die nichts haben“, schwitzt sich der Alkohol aus ihren Poren, und. Macht sie zu dem, was sie schon immer sein wollten, Opfer.

 „Ich meine es ernst. Ich spiele nicht mit dir“
— „nicht mit dir, nicht mit dir, nicht mit dir“

Als ich aus dem Schatten der Berge trat, und. Durch einen Wald, der tatsächlich sein Wald war, streifte, da. Sah ich ihn, und. Er traf mich, natürlich. „Lass uns hier zusammenkommen!“, rief er, weil. Ich dachte, er sei so liebestrunken wie ich, aber. Er wollte sich nur spiegeln, in mir, weil. „Hier zusammenkommen“, wiederholte ich herzklopfend, und. Ich zeigte mich offen, aber. Als er mich sah, erkannte er sich nicht in mir, und. Er wies mich zurück. Ein Schmerz, ein Schmerz, ein Schmerz. „Lächerlich, dass du dir Erwartungen und Hoffnungen gemacht hast“, höhnen die Stimmen, im Chor, im Kopf. „Niemand ist gut genug für ihn, warum solltest gerade du es sein?“ Damit haben sie recht, ich weiß, aber. Dennoch verhalte ich mich nicht danach, weil. Seitdem liebe ich immer nur seine Söhne, und. Wiederhole die ursprüngliche Kränkung, weil. Ich sie noch immer überschreiben will, aber. Das Spiel folgt immer denselben Regeln, und. Dieser Verlauf ist nicht zu brechen, weil. Am Ende steht immer meine Auslöschung, und. Jedes Mal bleibt von ihrer anfänglichen Begeisterung für mich nur übrig ein abweisendes „nicht mit dir“.

„Du bist nicht hübsch genug,
du bist nicht intelligent genug,
du bist nicht dünn genug,
du bist nicht laut genug,
du bist nicht schlagfertig genug,
du bist nicht groß genug,
du bist nicht politisch engagiert genug,
du bist nicht jung genug,
du bist nicht gelassen genug,
du bist nicht freizügig genug,
du bist nicht zurückhaltend genug,
du bist nicht mutig genug,
du bist nicht echt genug,
du bist echt nicht genug“
— „genug, genug, genug“

Es bleibt oft nur der Rückzug, weil. Es einfacher ist, sich zu verstecken, und. Aber wenn keine Höhle zum Verkriechen da ist, dann. Es bleibt nur, sich in sich selbst zu verstecken, weil. Den eigenen Körper zur Höhle zu formen, und. Dafür bleiben zwei Möglichkeiten, aber. Eine Liste, ein Rezept, eine Hölle. „Du versuchst immer zu ändern, was nicht zu ändern ist“, erklären die Stimmen, im Kopf, im Chor. „Das was du bist, wurde zu Beginn festgelegt, es ist deine Bestimmung, deine Ausbruchversuche sind sinnlos.“ Aber, ich muss daran glauben, dass ich mich ändern kann, sonst. Wenn ich nur mehr weniger werde, dann. Wenn ich ihnen nur entspreche, dann. Wenn ich das nicht schaffe, dann. Nur weil ich mich nicht genügend anstrenge, und. Weil ich noch immer nicht hart genug gegenüber mir selbst bin, und. Weil mein Körper noch immer nicht Festung genug ist, und. „Du willst doch gar nicht, dass sie dich ansehen“, so die Stimmen, aber. „Du hast doch tatsächlich Angst davor, dass jemand dich sieht“, so die Stimmen, aber. „Du willst gar keinen Körper, in dem sie sich spiegeln, du willst formlos sein“, so die Stimmen, aber. Trotzdem versuche ich, den eigenen Körper zur Hölle zu formen, natürlich. Es ist ihnen tatsächlich nie, genug.

„Wir schließen einen Pakt. Wir werde das niemals tun, versprochen?“
— „versprochen, versprochen, versprochen“

Über das Sonst soll ich am wenigstens sprechen, weil. Das könnte man mir am meisten vorwerfen, vor allem meine Schwestern werden es tun, weil ich sie damit verrate, und. Wenn ich schon denke, ich müsste unbedingt sprechen, dann solle ich doch bitte über Schöneres sprechen, weil. Ein Gedanke, eine Krankheit, ein Abgrund. „Du wirst doch dein Schicksal nicht auch noch zusätzlich herbeireden“, entrüstet die Stimmen, im Kopf, im Chor. „Wenn sie dich deswegen pathologisieren, dann hast du es verdient.“ Nur, kann ich nicht über mich selbst sprechen, wenn ich darüber nicht, weil. Wenn es etwas gibt, dass am Anfang stehen sollte, dann. Die Vorstellung zu verschwinden, sich auszulöschen, nicht mehr da zu sein, kam nicht erst durch die Zurückweisung durch ihn, nein. Das wurde tatsächlich immer falsch berichtet, und. Wenn ich spreche, dann auch, um diesen Irrtum richtig zu stellen, aber. Es ist für sie undenkbar, dass ich von mir aus, dass ich grundlos verschwinden wollte, denn. „Weil sie niemand wollte“, ist für sie der einzige denkbare Grund, natürlich. Von sich selbst aus nicht zu wollen, dass gestehen sie mir nicht zu, nein. Die Stimmen zwingen mich auch jetzt, sie sagen, ich müsste anführen, ich hätte mich nur versprochen.

II.

„Jetzt stell dich nicht so an, oder verstehst keinen Spaß?“
— „keinen Spaß, keinen Spaß, keinen Spaß“

Ich werde misstrauisch beäugt, weil. Ich bin hier eine Fremde, und. Sie können nicht verstehen, wie es mich aufs Land, ins Tal der Grausamkeiten verschlagen hat, weil. Ich gehöre doch in die Stadt mit dem Berg, aber. Eine Entscheidung, ein Irrweg, eine Lüge. „Damit hast du doch schon alles gesagt. Was willst du denn noch?“, zischen die Stimmen, im Chor, im Kopf. Nein, ich will, und. Man sagt, dort wo ich herkomme, gäbe es ein Gefälle zwischen Stadt und Land, natürlich. Ich sage, tatsächlich gibt es das nicht, weil. Am Land schimpft man auf die Fremden und auf die Stadt, während. Man besäuft sich im Gasthaus, und. Fickt die Frau seines Nachbarn, und. In der Stadt schimpft man auf die Fremden und auf das Land, während. Man besäuft sich im Gasthaus, und. Fickt die Frau seines Nachbarn, und. Ich versuche, das zu erklären, aber. Ich muss mich ständig wiederholen, und. Ich bin so müde, weil. Ich renne an gegen Trugbilder, aber. Diese sind wirklich, und. Diese Schleifen machen, keinen Spaß.

„Es tut mir so leid, aber ich ertrage keine Nähe“
— „keine Nähe, keine Nähe, keine Nähe“

Es gibt noch eine andere Version über meine Liebe, aber. Auch in dieser wurde ich abgewiesen, und. Auch für ihn war ich nicht Wider genug, aber. Ich kam ihm zugleich viel zu nah, und. Während es mich nach ihm verzehrte, hat er versucht, aber. Er hat zu viele andere verzehrt, und. Dabei habe ich ihn beobachtet, zumindest. Er hat kein Instrument aus mir geformt, auf dem er spielen kann, aber. Ein Betrug, eine Sucht, ein Gemetzel. „Wie kannst du ihn mögen, wenn du doch weißt, wie er deine Schwestern behandelt, denen er nachstellt?“, verachtend, im Chor, die Stimmen, im Kopf. „Du machst dich zur Komplizin, zu seiner Komplizin.“ Ich würde gerne entgegnen, aber. Dass die Betrachtung zu hart sei, weil. Dass man das doch auch anders sehen könne, aber. Und dass ich es nur nicht tue, weil. Tatsächlich will ich nicht darüber nachdenken, ob. Es nicht doch stimmen wird, natürlich. Ich übe mich in Distanz, aber. Nur zu den eigenen Gedanken, weil. Zu ihm schaffe ich es nicht, nur. Zu ihnen will ich keine Nähe.

„Du ziehst dich immer zu schnell aus“
— „schnell aus, schnell aus, schnell aus“

Wenn ich mich bloß anders verhalten, und. Wenn ich nur nicht Echo, und. Wenn ich mehr weniger, und. Ein Kreisel, eine Gier, ein Selbstversuch. „Leichter wäre es, du würdest endlich einsehen, was dein Schicksal ist. Es ist kein Wunder, dass sie dich nicht wollen, wenn du dich ihnen immer gleich offenbarst “, kommentieren die Stimmen, im Chor, im Kopf. Nein, das stimmt so nicht, und. Tatsächlich wehre ich mich vehement gegen diese Sichtweise, und. Daran kann es nicht, weil. Wir sind doch darüber längst hinaus, und. „Seine Söhne wollen natürlich jagen“, so die Stimmen, aber. „Seine Söhne wollen, dass ihre Trophäen nicht so leicht zu erlegen sind wie du“, so die Stimmen, aber. „Seine Söhne wollen sich ihre Risse ehrenvoll verdienen“, so die Stimmen, aber. Ich will doch niemandes Pokal sein, und. Ich will doch für niemanden etwas sein, mit dem er sich schmückt, und. Mit dem er sich rühmt, und. Dann will ich lieber gar nicht, bitte bitte lasst mich, schnell schnell schnell aus.

„Du weißt, du kannst mich jederzeit- du würdest mich doch anrufen?“
— „anrufen, anrufen, anrufen.“

Dass es einen Fluss gäbe, so wird geflüstert, über den man in eine Welt gelangen würde, und. Meine Schwestern und ich haben oft darüber geredet, dass. Es ist eine friedlichere Vorstellung als von Würmern zerfressen zu werden, aber. Ein Zug, eine Nachricht, ein Verrat. „Für dich gibt es weder das eine noch das andere, du wirst einfach verschwinden. Du wirst dich selbst auslöschen“, säuseln die Stimmen, im Kopf, im Chor. Aber, bleibt mir denn wirklich nichts, außer sonst? Auch das ist eine Wiederholung, und. Ich bin müde, und. Ich schreibe Listen, sonst. Ich notiere genau, was ich alles noch tun muss, sonst. Ich dokumentiere im Detail, ob ich mich richtig verhalten habe, sonst. Ich setze mir Deadlines, bis zu denen ich jenes und dies geschafft haben muss, sonst. Jeden Schritt setze ich nur, um weniger Echo und mehr ich zu sein, sonst. Insgeheim aber bleibt sonst mein einziges Anrufen.

III.

„Normalerweise würde ich mit Menschen wie dir nicht reden.“
— „nicht reden, nicht reden, nicht reden.“


Seine Schwestern soll man nicht verlassen, und. Sie haben mich dafür bewundert, weil. Ich es trotzdem getan habe, aber. Ein Abschied, eine Isolation, ein Einschnitt. „Bist du, b-b-b-ist du eine einsame kleine Echo? Hmm? Haben wir dir das nicht von Anfang gesagt? Kannst du noch etwas anderes außer dich jammernd zu wiederholen, du bedauernswertes, armes Ding“, höhnen die Stimmen, im Kopf, im Chor. Um mich rauscht alles immer mehr, und. Manchmal lasse ich es noch mehr rauschen in meinen Echokammern unter blauem Licht, dann. Ich schaffe es fast, das Rauschen mit Wärme zu verwechseln, aber. Wie natürlich färbt sich die Welt gerade wieder in ihre alten Farben ein, und. Wieder und wieder und wieder und wieder und wieder, nur. Davon will ich nichts wissen, und. Davon will ich tatsächlich nicht reden.

„Es liegt nicht an dir“
— „an dir, an dir, an dir“

Ihr Begehren für meinen Körper war immer ein Verrat an mir, und. Vieles könnte ich verzeihen, aber. Das was seine Söhne mir angetan haben niemals, und. Ein Rätsel, eine Fahrt, ein Riss. „Oh, meine Liebe, oh– dreh dich, um. Sieh uns, an– ja, meine Liebe, ja– genauso, genau so, wie wir dich wollen“, parodieren die Stimmen, im Kopf, im Chor. Ich halte mich zu, aber. Selbst dann kann ich sie, sie noch, und. Auch dann kann ich noch ihr, ihr Greifen in meinen Körper, und. Ihre, ihre Abdrücke auf mir, ihre, ihre Schlieren an mir, und. In Wellen schlitzen sie, sie, sie ihre, ihre, ihre Handlungen in mich hinein, und. Tatsächlich blutet aus ihren, ihren, ihren Rissen auf meinem Körper ihr, ihr, ihr ‚es läge nur an dir’.


„Komm, jetzt hör auf. Das ist wieder typisch. Du bist einfach verbittert und grausam.“
— „und grausam, und grausam, und grausam.“


Ich habe Angst davor, zu schlucken. Alles würden die Schwestern mir verzeihen, aber. Das was ich mir damit angetan habe niemals, und. Eine Farbe, ein Faden, eine Entfernung. „Gut siehst aus. Gut siehst du schlecht aus. Schlecht sein steht dir gut, genau so soll es sein“, schmatzen die Stimmen, im Chor, im Kopf. Ja, aber. Ich strenge mich doch, aber. Ich kann nichts mehr mehr mehr runterschlucken, und. Wenn ich versuche, darüber, darüber, nein, nein, nein. Natürlich natürlich, tatsächlich tatsächlich, und. Grausam.


„Aber ich verstehe einfach nicht warum“
— „warum, warum, warum“

Der Grund, warum die Menschen hier von den Brücken fallen wie die Fliegen, ist, weil. Es ist die einzige Möglichkeit, dem Tal wieder zu entkommen, und. Ein Geländer, eine Nacht, ein Fall. Die Stimmen lachen, im Chor, im Kopf, und. Das, was ich sprechen will, ist. Bitte sagt meinen meinen meinen Schwestern, sagt ihnen, bitte bitte bitte. Das das das ist ist ist, warum sonst, warum sonst, warum.

IV.

Das was du sagst, klingt so, als würdest du von mir reden. Von mir reden. Von mir reden. Von mir reden. Sei nicht immer so ein Opfer. Opfer. Opfer. Opfer. Ich meine es ernst, ich spiele nicht mit dir. Nicht mit dir. Nicht mit dir. Nicht mit dir. Du bist nicht hübsch genug, du bist nicht intelligent genug, du bist nicht dünn genug, du bist nicht laut genug, du bist nicht schlagfertig genug, du bist nicht groß genug, du bist nicht politisch engagiert genug, du bist nicht jung genug, du bist nicht gelassen genug, du bist nicht freizügig genug, du bist nicht zurückhaltend genug, du bist nicht mutig genug, du bist nicht echt genug, du bist echt nicht genug. Genug. Genug. Genug. Wir schließen einen Pakt. Wir werde das niemals tun, versprochen? Versprochen. Versprochen. Versprochen. Jetzt stell dich nicht so an, oder verstehst keinen Spaß? Keinen Spaß. Keinen Spaß. Keinen Spaß. Es tut mir so leid, aber ich ertrage keine Nähe. Keine Nähe. Keine Nähe. Keine Nähe. Du ziehst dich immer zu schnell aus. Schnell aus. Schnell aus. Schnell aus. Du weißt, du kannst mich jederzeit- du würdest mich doch anrufen? Anrufen. Anrufen. Anrufen. Normalerweise würde ich mit Menschen wie dir nicht reden. Nicht reden, nicht reden, nicht reden. Es liegt nicht an dir. An dir. An dir. An dir. Komm, jetzt hör auf. Das ist wieder typisch du. Du bist einfach verbittert und grausam. Und grausam. Und grausam. Und grausam. Aber ich verstehe einfach nicht warum. Warum. Warum. Warum.

„Was geht, wenn Echo bleibt?“
— „Echo bleibt, Echo bleibt, Echo bleibt Echo“

1 lila Wollschal

Wind ist auch immer ein Abgrund, Schneeflocken machen ihm Angst. Heute fällt nichts vom Himmel, das ist gut, das ist gut, aber etwas zog ihn trotzdem nach unten: er hatte meinen lila Schal verloren. Ich hatte ihn von meiner Mutter geschenkt bekommen und er war mir lieb, er war mir teuer, wie man so schön sagt, wenn der Tag sich in die Länge zieht wie Kaugummi und die Träume dich wieder einmal mit Haut und Haaren verschlingen wollen. Träume sind Schäume sind Bäume! Er würde ihnen allen ausweichen müssen, für den Schal, für mich, denkt er, während er das Haus verlässt. In welche Richtung soll ich mich drehen, fragt mich der Wind. Ich flüstere, lass ihn für den Moment gewähren. Es ist also windstill, als er vor die Türe tritt. Deswegen kann er einen Fuß vor den anderen setzen, immer schön den Bäumen ausweichend und sich rückwärts durch die Zeit bewegend, was, so denkt er jetzt, mir meinen lila Schal zurückbringen wird.

Bild: Kathrin Pflegerl