wir, ohne

in der wohnung im dunkeln, weil 
licht würde auch nichts, nur

dieses nicht-bleiben-können, diese 
muskelschmerzen, in 
deine haut fahren und 
es lieben (ficken tbh)

durch menschen zu gehen, wie 
eine schneidemaschine, was 
bleibt, ist lose und

ich kann mir auch selbst, durch 
den körper streichen, wie 
gemalen (you lost me at 
you lost me)

[teil von mein kopf will ohne mich sein, abwesenheitsnotizen, schreiben 2019.]

fassadengefühle

heute in rot, ich überschminke vorstellungen,
um zu scheinen,
sicherheitsnadeln zum gedanken aneinanderheften
oder zum zustechen, was weißt du von
meinem fehlendem hunger, was weißt du vom
fehlen in mir :
ein phantomaber, gedankenflecken,
die nie mehr rausgehen,
auch nicht mit wasserstoff auf der kopfhaut
unter der kopfhaut: inselsterben,
symptomlose einsamkeit,
ich weiß, du nennst das alles
noch immer liebe

[teil von mein kopf will ohne mich sein, abwesenheitsnotizen, schreiben 2019.]

Mein liebes Tagebuch, it’s complicated

Liebes Tagebuch,

es ist heute nicht viel passiert, ich war müde und beunruhigt. Deswegen hab ich zwei Mal geduscht, weil mich das runterbringt, Tagebuch, in der Früh und am Abend, und dabei einmal masturbiert, liebes Tagebuch, das war eine Lüge, ich masturbiere doch nicht ohne mein Handy,

liebes Tagebuch,

ich hab heute aus dem Fenster geschaut und dabei folgendes gesehen: 1 Mann, der mit seinem Hund spazieren war, 1 Pärchen, das Händchen gehalten hat, 1 Mann, von dem ich zuerst dachte, er hätte 1 Atemschutzmaske auf, aber dann hat er nur geraucht, 1 Polizeiauto und Schneeflocken,

liebes Tagebuch,

ich habe heute aus dem Fenster geschaut und dabei folgendes gesehen: meine Twitter-Timeline, die Webseite des Gesundheitsministeriums, die dann irgendwann auf „Wartung“ war, why, nicht zählbare Nachrichten auf Social Media, zu viele Stories, E-Mails, Formulare,

liebes Tagebuch,

1 Kollege von der Arbeit hat heute versucht, mich zu erreichen, aber als ich abgehoben hab, hab ich ihn nicht gehört, dann hab ich ihn zurückgerufen und als er abgehoben hat, hab ich ihn nicht gehört, dann hat er mich wieder zurückgerufen, und als ich abgehoben hat, hab ich ihn nicht gehört, dann hab ich das Handy von meinem Freund genommen und den Kollegen von der Arbeit angerufen, aber als er abgehoben hat, hab ich ihn nicht gehört, dann wollte ich ihm eine Mail schreiben, aber dann hat er mich nochmals angerufen, auf dem Handy von meinem Freund, und ich hab abgehoben und ihn gehört, weil er mich nicht über die Rufumleitung, sondern von seinem Handy aus angerufen hat und wir haben kurz geredet, und effektiv hab ich so 15 Minuten des Tages damit verbracht in mein Telefon HALLO HALLO HALLO HALLO HALLO HALLO zu sagen,

liebes Tagebuch,

ich musste heute Lebensmittel einkaufen, was mich sehr gestresst hat, aber es war glücklicherweise nicht viel los im Geschäft und ich hab 1 Wein gesehen, der um 50 % verbilligt war und den hab ich dann auch mitgenommen, obwohl ich eigentlich nie Alkohol in der Wohnung hab und der Kassier hat mich gefragt, ob ich 1 Ananas kaufen will, weil die gäb es verbilligt um 1 Euro, aber ich hatte schon mit Karte gezahlt und ich wollt nicht 1 Euro mit Karte zahlen, deswegen hab ich „nein, danke“ gesagt,

liebes Tagebuch,

ich hab heute mit meinen Eltern telefoniert und sie haben mir erzählt, sie hätten gehört, dass man sich seine Hände gut mit Knoblauch desinfizieren kann und ob ich Knoblauch daheim hab und dass ich das probieren soll, und ich so, ELTERN!, habt ihr das schon probiert, dann riecht doch alles nach Knoblauch, und sie so, nein, sie hätten das noch nicht probiert, ich solle es zuerst probieren, der Opa hätte das sicher auch gemacht,

liebes Tagebuch,

meine Eltern wollen sich bald auf Skype zum Kaffeetrinken mit uns Töchtern treffen, wir sollen einen Termin dafür ausmachen und wir haben beschlossen, dass wir uns dafür alle was ganz Schönes anziehen und die Schwester hat gemeint, dass Abendkleidung inkl. hohe Schuhe dafür nötig ist, und jetzt machen wir 1 Termin dafür aus,

liebes Tagebuch,

ich hab heute 1 Freund von mir 2 Links zu Artikeln geschickt und dazu geschrieben „falls dir der Lesestoff ausgeht“ und er hat geantwortet „weißt du eig wie viel LESESTOFF ich schon hab, SOLL ICH IHN DIR SCHICKEN“, liebes Tagebuch, darauf hab ich net mehr geantwortet, weil ich bin mir nun ziemlich sicher, dass LESESTOFF die heutigen DICK PICS sind,

liebes Tagebuch,

die Freundin ohne Smartphone hat mir heute 1 SMS geschickt, dass sie es bereut nicht bei 1 Lesung im Jänner gewesen zu sein und hat mich gefragt, wann ich endlich 1 Tagebuch schreib und ich hab ihr dann in 1 normal langen Antwort, also 15 SMS, erklärt, dass ich schon 1 Bot hab und damit genug beschäftigt bin, aber dann hab ich den minus 50 %igen Wein aufgemacht und gedacht, why not,

schau Tagebuch,

dass bitte net falsch verstehen, aber du kennst das ja, schau, du kennst ja so viele Autor*innen, da bin ich fix nicht die erste, die sich dich schön getrunken usw.,

schau Tagebuch,

es liegt nicht an dir, es liegt an uns, also an mir, dass das einfach net so richtig funktioniert, ich hab es eigentlich auch nur mit dir probiert, also weil die Freundin ohne Smartphone gemeint hat, ich solle das halt mal probieren und nicht immer so kritisch sein, aber Tagebuch, ich find du siehst, dass es schon allein deswegen zum Scheitern verurteilt ist und ich find, du musst mir deswegen nicht böse sein, immerhin bin ich ehrlich zu dir und führ nicht so eine halb-warme, halb-ironische Beziehung mit dir weiter, so wie das andere machen, ja und außerdem, hast du momentan eh genug Beziehungen, die gut laufen, und ich gönn dir das auch echt, du hast dir das verdient, nach all den Jahren, wo die Menschen deinen Wert nicht anerkannt haben, dich nicht öffentlich zeigen wollten oder nur um sich über dich lustig zu machen (Stichwort: Diary Slams), dich abgewertet haben (don’t get me started, wie das auch mit Sexismus zusammenhängt usw., aber das muss ich dir ja nicht erzählen), wenn ich das also jemanden gönne, diesen Hype, dann nur dir, liebes Tagebuch.

quallen

um mich zu beruhigen
schreibe ich unsere gespräche um
deine antworten sind quallen
ich strecke meine hand aus
um eine zu berühren
du sagst: tu das nicht,
und verwandest dich in einen käfig
meine finger, blaue federn
ich knalle ständig gegen deine stäbe
ich kann nicht atmen unter wasser

um mich zu beruhigen
schreibe ich unsere gespräche ab

[teil von mein kopf will ohne mich sein, abwesenheitsnotizen, schreiben 2019.]

solange der himmel hell ist

der mohn ist so hoch geworden, dass sie nichts sieht. dann wacht sie auf und denkt, sie will aufwachen. im zimmer riecht es nach ihren moderträumen, sie reißt das fenster auf, es ist immer dunkel, wenn sie aufsteht. sie versinkt im haus, weil es viel zu groß für sie allein ist, sie hält sich nur in ihrem schlafzimmer auf, geht von dort zur küche, zum bad und zurück, aber diese räume gehören nicht ihr, sie kann sie nicht für sich einnehmen. das sind fremde oberflächen, in denen sie in farblosigkeit getaucht spiegelt, von den hergottswinkeln blickt der gekreuzigte auf sie, aus den bilderrahmen lächelt auf berggipfeln, auf familienfeiern der tod, die schubladen klemmen, auf der couch ist ein fleck, von dem sie nicht genau weiß, wodurch er entstanden und wie sie ihn rausbekommen soll. das haus ist ein tag nach dem tod, das haus lauert auch auf ihren abschied, das haus ist kein ort und es ist kein zuhause mehr für sie, aber sie ist hier, um zu sagen: „ich bin zurückgekehrt“ und sie trinkt einen schluck wasser für den morgen. sie ist gekommen, um zur brücke zu gehen.

das rauschen des wassers hat sie schon in den ohren, als sie aufbricht. früher war die brücke ihr zufluchtsort, an dem sie als kind kreidepläne auf den beton gemalt hatte. sie hatte sich vorgestellt, dass sie nicht auf einer alten brücke aus holz stehen würde, sondern auf einer aus marmor, mit gold verziert; dass der alte kastanienbaum neben der brücke eine trauerweide; dass das wasser sich nicht braun, sondern blau spiegeln würde. dass es eine brücke über das meer wäre und sie im ozeanischen aufgehen könnte. dass die felder nicht voll mais, sondern voll mohn wären. dass es eine zauberbrücke wäre, weil das wasser auf der einen seite ruhig im flußbett liegt, sich auf der anderen seite reißerisch wellt.

über das enden der quellen, das austrocknen der bäche und flüsse, hatte sie einen artikel gelesen, darunter war ein stimmungsvolles schwarz-weiß-foto ihrer zauberbrücke abgebildet gewesen. exemplarisch für eine der brücke, von der sich menschen und tiere in den abgrund stürzen. dass es aber trotzdem nicht erklärbar sei, warum sich auch tiere an spezifischen orten vermehrt umbringen würden. dass schon lange die kapazitäten fehlen würden, die leichen zu beseitigen. danach war der text ins esoterische gekippt, hatte versucht, doch eine ursache zu liefern und brücken als „überzeugende metapher des todes“ bezeichnet, als „dünne orte“ charakterisiert, an denen sich diesseits und jenseits so nahe wären, dass sie lebewesen magisch anzogen und ihre todessehnsucht verstärkten.

es war die erinnerung an diesen ort, wegen der sie beschlossen hatte, zurückzukommen. weil sie es mit eigenen augen sehen wollte, weil es eine möglichkeit war, vor der welt zu fliehen, vor den gefühlt zu langen umarmungen, mit denen man sich voneinander verabschiedete. in jeder berührung konnte sie den sand rieseln hören, während sie einen schritt vor den anderen setzt, knirschen die körner zwischen ihren zähnen. eigentlich müsste sie schon die brücke und den baum erkennen, aber der mohn ist so hoch geworden, dass sie nichts sieht, der himmel zieht zu. ihre beine sacken weg, sie hat keinen grund,

dann wacht sie auf und denkt, sie will aufwachen

Dieser Text findet sich in abgewandelter Form in Entwürfe von mir / von uns.

mein kopf will ohne mich sein (auszug)

sept., abwesend
ich spule jeden abend im kopf ab, wen ich enttäuscht habe oder dass ich es nicht schaffen werde oder es fallen mir sätze ein, die ich vor jahren gesagt habe, oder die zu mir gesagt wurden, diese sätze fallen in mich ein und ich bin wehrlos oder ich schalte das licht aus und verstecke mich unter dem bett vor den eigenen gedanken oder ich schlafe ein und träume, ich verwandle mich in treibsand und wache weinend nicht auf, das heißt „alltagsnahsein“, aber heute war ich in kroatien oder in tschechien oder an einem ort, an dem es mir gut ging, weil ich nicht da war; zum frühstück erzähle ich ihr, dass alles schöne glasig ist für mich, glasige augen, weil alles schöne zerbrechlich ist, und ich mich ständig an den scherben schneide oder an allem, was ich zerbrochen habe oder was in mir zersprungen ist. dann zähle ich ihr glasdinge auf, die ich mag: postkarten; wenn alle blauen flecken von selbstverteidigung sind; solange durch eine stadt laufen, bis der körper taub wird; gespräche in sprachen, die ich nicht verstehe (weil manchmal denke ich, in einer anderen sprache hätte ich sein können);

oct., graz
ich verstehe nicht, wie ich hierher gekommen bin, in diesen moment, ob das eine wohnung oder literatur ist oder wie zurück sein an diesem ort wieder mehr sein könnte, als eine erinnerung daran, dass ich noch immer eine ahnung davon habe, wer ich geglaubt habe, zu sein in graz. sie sagt, ich solle dem zeit geben, dass es besser werden wird, mit der zeit, aber ich weiß nicht mehr, wie das geht: ankommen, ein richtiges bücherregal, eine richtige küche, nicht immer nur schlaf- und rucksack, nicht auf den sofas der freunde zuhause sein, sondern im eigenen bett einzuschlafen, ich kenne kein gegenteil für meine rastlosigkeit mehr, für mein ungenügen, das in meinen ohren surrt wie der kühlschrank, oder wie sich eine welt anhört, in der ich jeden aufwache und von neuem erkennen muss, dass er sich von mir entfernt, die wörter rieseln noch immer sanft zwischen uns, aber wort um wort wächst da etwas, eine wand (aus meinen fehlenden bedingungen zu seiner möglichkeit).

nov., brno
ich esse zitronenkuchen, stück für stück, und wiederhole mir, dass ich glücklich bin. ich schreibe GLÜCK mit roter ölkreide auf rote ölkreide oder glück auf die serviette, die neben mir liegt. er dreht sich zu mir und sagt, svatba wäre ein wichtiges wort, ich solle es mir merken. ich lache, nicke, versuche, den sinn zu erhaschen, aber ich würde ALLES miteinander verwechseln, reden mit rot oder den himmel mit einer schürfwunde. ich kann nie das ganze stück kuchen essen, ich bin immer zu schnell zu voll, also schiebe ich es zu ihm rüber, obwohl ich mich zu ihm, obwohl ich ihm sagen sollte, ich kann unser glück nicht fassen, es bleibt mir verschlossen, obwohl ich doch so gern möchte, aber ich kann nicht, ich kann auch nur jeden zweiten tag in der früh aufstehen, nur jeden zweiten tag richtig essen, sonst ist es zu viel oder zu wenig, ich kann das nicht, in der welt, in den momenten, in uns.

dec., vienna
meine bleistiftscherben auf papier, während das wasser im sand versickert, während ich zuviel zeit in zügen verbringe, von wien weg, nach wien zurück, von dir weg, zu dir zurück, zuviel kaffee trinke, ich könnte auch schreiben, meine gedanken sind sandburgen, ich halte mich lieber an dingen fest, zärtlich, weil ich die menschen nicht: am hauseingang, der WAND auf meinem mantel, am plattenspieler, der klebrigen kassette, unsere entfernung kann ich in diesen wörtern messen, wenn du sie liest, dann siehst du nicht, was ich sehe, du kannst nur rätseln, früher hättest du verstanden, mich, da waren es unsere WÖRTER, unsere BILDER, unsere HANDLUNGEN, die EREIGNISSE, die EINSAMKEIT, das UNBEHAGEN, statt ich konnte ich auch wir schreiben, heute schreibe ich ich und meine mich als statue aus marmor mit deinem verlorenen gesicht, ein ungenügend so nicht sein, trotzdem wünsche ich mir noch immer

[auszug aus selbstmörderinnen auf urlaub (arbeitstitel), schreiben 2018-2020]

das vertauschen in mir

ich koch mir einen tee, ich will ihn nicht trinken, nur den geruch durch die wohnung schweben lassen und an ihn denken, weil ich will etwas anderes als die algen, die sich in meinem kopf um den mond gewickelt haben, der deinen alten pulli trägt;

ich will lieber an ihn denken statt dir schreiben, um dich zu fragen, in welchem spukschloss du gerade gefangen bist und welche farben deine gespenster haben und ob du weißt, was jetzt eigentlich sein soll, weil ich weiß nur, dass die uhren rückwärts purzelpäume schlagen und ich schlecht schlafe und schlecht aufwache zwischen unseren zügen,

mit abdrücken vom kopfhörerkabel und abdrücken vom kopf (das vertauschen in mir), dann bis 20 zählen, mich auf die andere seite drehen, mich noch immer so verletzbar fühlen und nur die jalousie im blick und die uhr, und die kabel im kopf und um dich