fassadengefühle

heute in rot, ich überschminke vorstellungen,
um zu scheinen,
sicherheitsnadeln zum gedanken aneinanderheften
oder zum zustechen, was weißt du von
meinem fehlendem hunger, was weißt du vom
fehlen in mir :
ein phantomaber, gedankenflecken,
die nie mehr rausgehen,
auch nicht mit wasserstoff auf der kopfhaut
unter der kopfhaut: inselsterben,
symptomlose einsamkeit,
ich weiß, du nennst das alles
noch immer liebe

[teil von mein kopf will ohne mich sein, abwesenheitsnotizen, schreiben 2019.]

solange der himmel hell ist

der mohn ist so hoch geworden, dass sie nichts sieht. dann wacht sie auf und denkt, sie will aufwachen. im zimmer riecht es nach ihren moderträumen, sie reißt das fenster auf, es ist immer dunkel, wenn sie aufsteht. sie versinkt im haus, weil es viel zu groß für sie allein ist, sie hält sich nur in ihrem schlafzimmer auf, geht von dort zur küche, zum bad und zurück, aber diese räume gehören nicht ihr, sie kann sie nicht für sich einnehmen. das sind fremde oberflächen, in denen sie in farblosigkeit getaucht spiegelt, von den hergottswinkeln blickt der gekreuzigte auf sie, aus den bilderrahmen lächelt auf berggipfeln, auf familienfeiern der tod, die schubladen klemmen, auf der couch ist ein fleck, von dem sie nicht genau weiß, wodurch er entstanden und wie sie ihn rausbekommen soll. das haus ist ein tag nach dem tod, das haus lauert auch auf ihren abschied, das haus ist kein ort und es ist kein zuhause mehr für sie, aber sie ist hier, um zu sagen: „ich bin zurückgekehrt“ und sie trinkt einen schluck wasser für den morgen. sie ist gekommen, um zur brücke zu gehen.

das rauschen des wassers hat sie schon in den ohren, als sie aufbricht. früher war die brücke ihr zufluchtsort, an dem sie als kind kreidepläne auf den beton gemalt hatte. sie hatte sich vorgestellt, dass sie nicht auf einer alten brücke aus holz stehen würde, sondern auf einer aus marmor, mit gold verziert; dass der alte kastanienbaum neben der brücke eine trauerweide; dass das wasser sich nicht braun, sondern blau spiegeln würde. dass es eine brücke über das meer wäre und sie im ozeanischen aufgehen könnte. dass die felder nicht voll mais, sondern voll mohn wären. dass es eine zauberbrücke wäre, weil das wasser auf der einen seite ruhig im flußbett liegt, sich auf der anderen seite reißerisch wellt.

über das enden der quellen, das austrocknen der bäche und flüsse, hatte sie einen artikel gelesen, darunter war ein stimmungsvolles schwarz-weiß-foto ihrer zauberbrücke abgebildet gewesen. exemplarisch für eine der brücke, von der sich menschen und tiere in den abgrund stürzen. dass es aber trotzdem nicht erklärbar sei, warum sich auch tiere an spezifischen orten vermehrt umbringen würden. dass schon lange die kapazitäten fehlen würden, die leichen zu beseitigen. danach war der text ins esoterische gekippt, hatte versucht, doch eine ursache zu liefern und brücken als „überzeugende metapher des todes“ bezeichnet, als „dünne orte“ charakterisiert, an denen sich diesseits und jenseits so nahe wären, dass sie lebewesen magisch anzogen und ihre todessehnsucht verstärkten.

es war die erinnerung an diesen ort, wegen der sie beschlossen hatte, zurückzukommen. weil sie es mit eigenen augen sehen wollte, weil es eine möglichkeit war, vor der welt zu fliehen, vor den gefühlt zu langen umarmungen, mit denen man sich voneinander verabschiedete. in jeder berührung konnte sie den sand rieseln hören, während sie einen schritt vor den anderen setzt, knirschen die körner zwischen ihren zähnen. eigentlich müsste sie schon die brücke und den baum erkennen, aber der mohn ist so hoch geworden, dass sie nichts sieht, der himmel zieht zu. ihre beine sacken weg, sie hat keinen grund,

dann wacht sie auf und denkt, sie will aufwachen

Dieser Text findet sich in abgewandelter Form in Entwürfe von mir / von uns.

das vertauschen in mir

ich koch mir einen tee, ich will ihn nicht trinken, nur den geruch durch die wohnung schweben lassen und an ihn denken, weil ich will etwas anderes als die algen, die sich in meinem kopf um den mond gewickelt haben, der deinen alten pulli trägt;

ich will lieber an ihn denken statt dir schreiben, um dich zu fragen, in welchem spukschloss du gerade gefangen bist und welche farben deine gespenster haben und ob du weißt, was jetzt eigentlich sein soll, weil ich weiß nur, dass die uhren rückwärts purzelpäume schlagen und ich schlecht schlafe und schlecht aufwache zwischen unseren zügen,

mit abdrücken vom kopfhörerkabel und abdrücken vom kopf (das vertauschen in mir), dann bis 20 zählen, mich auf die andere seite drehen, mich noch immer so verletzbar fühlen und nur die jalousie im blick und die uhr, und die kabel im kopf und um dich

museum of broken beginnings

In allen Stunden ohne uns sind wir 
gefangen schickst du mir Bilder
als Symbole des Verfehlens
verlaufen unsere Tage

Ich kann den Sand auf meiner Zunge
fühlen schreibe ich niemals auf
die Kalender verstrichene Tage
in denen wir eine Zeit hätten

Suchen wir uns einen Anfang
über uns und enden im Text
kann ich nur müde lächeln
wenn du mich wieder schreibst

kursive tage

ich verstecke deine nachrichten vor mir
und zähle bis 100, bevor ich die augen öffne

du hast mich

ich verstecke das handy zwischen den seiten
ich decke mit wörtern alles zu
du schreibst, julia, und, wir könnten nie
ich antworte, nur symbolisch

ich verstecke mich unter dem tisch
und halte meine geständnisse zu
sie entkommen mir und malen dir alles farbig aus
als rechtfertigung bestehe ich auf schwarz-weiß

du lachst

später googlen wir alles, auch die farben
und schicken uns links, gegen das reden

du willst mich

aus meinem versteck locken, aber
ich bin einen flugmodus entfernt
nicht erreichbar

auf einer postkarte schicke ich dir grüße,
ich bin jetzt 1 gespenst

du erfindest mich
trotzdem