{"id":116,"date":"2020-03-18T18:20:56","date_gmt":"2020-03-18T18:20:56","guid":{"rendered":"http:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/?page_id=116"},"modified":"2022-01-29T18:30:56","modified_gmt":"2022-01-29T18:30:56","slug":"vergessene-orte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/?page_id=116","title":{"rendered":"Vergessene Orte"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"776\" height=\"1024\" data-id=\"117\" src=\"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_20200318_190957-776x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-117\" srcset=\"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_20200318_190957-776x1024.jpg 776w, 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das darf man nicht vergessen, das muss man auch verstehen, dass das nicht alles so einfach war. so wie sie ihn jetzt schlecht reden, dass stimmt ja so alles nicht, das muss man doch auch sehen, dass er jemand war, der auf uns gedacht hat, das darf man wirklich nicht vergessen, das nicht\u201c, aber sonst, ja, sonst soll man die vergangenheit ruhen lassen, so sagen sie alle, nicht nur diese talbewohnerin, die sich mit ihrer wehklage an das dirndl in dieser geschichte wendet, also an unser dirndl. sie sagt ihm auch, unser dirndl sei noch viel zu jung, um das zu verstehen, die ganze geschichte. aber nicht nur die talbewohnerin, nein, wirklich alle in diesem land sagen, dass man das jetzt endlich alles vergessen solle. wollen selbst nicht vergessen werden, aber die vergangenheit, die soll man doch bitte in frieden ruhen lassen, nicht? die hat doch schon genug mitgemacht, die muss man doch jetzt nicht immer und immer wieder ausgraben. \u00fcber die haben wir nicht nur den mantel des schweigens geworfen, die wurde auch darunter erstickt. aber wo, wo ruht sie denn, die vergangenheit, die wir ermordet haben? wo ruht sie, die vergangenheit, die wir bis zur unkenntlichkeit zerst\u00fcckelt haben? ja, wo haben wir sie denn, begraben? wo haben wir sie denn, verscharrt? damit sie ja niemand mehr finden, damit sie niemals mehr ausgegraben werden kann. wo? wo? wo? wir wissen es doch eigentlich alle ganz genau, wo, alle wissen wir es ganz genau, weil wir jeden tag dar\u00fcber gehen, jeden tag von neuem \u00fcber die leiche. aber wir versuchen, das zu vergessen, den gestank, die f\u00e4ulnis auszublenden, versuchen, uns genau so zu vergessen, so wie die orte vergessen sind, die orte, die wir unsere herkunft, unsere heimat, unsere ursache nennen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWO HAT ES DICH HINVERSCHLAGEN?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>schreibt der thomas dem dirndl und es antwortet: \u201eit\u2019s kind of a funny story\u201c, obwohl es das nicht ist, und \u201ein deine heimat\u201c, obwohl sie das f\u00fcr ihn ja doch nicht ist. es ist jetzt dort, wo man noch immer mit stolz dar\u00fcber singt, wie man damals mit blut die grenze schrieb und er glaubt dem dirndl zuerst nicht, wirklich, weil er es dann doch so gut kennt und wei\u00df, dass das nicht so vorgesehen war, nicht der plan vom dirndl: seine heimat. \u201ewas machst denn in k\u00e4rnten? was machst du denn?\u201c und es erz\u00e4hlt ihm, dass es nicht so einfach war, einen fixen job zu finden, nach dem studium, und dass es weg wollte, aus graz, und dass es sich \u00fcberall beworben h\u00e4tte, und so w\u00e4re es hier gelandet, 80 kilometer von graz, im lavanttal, dem paradies k\u00e4rntens. und es erz\u00e4hlt ihm das, weil es die geschichte ist, die es sich dazu gesponnen hat, weil das genau so sein muss, nicht? und er stellt das nicht in frage, weil er es auch dazu zu gut kennt. und es ist froh, dass er nicht fragt, ob es der liebe wegen umgezogen sei, so wie die menschen hier. bei jedem \u201each, der liebe wegen?\u201c zuckt das dirndl. weil sich niemand hier vorstellen kann, dass man einfach so nach wolfsberg zieht, weil sonst fliehen doch die meisten jungen fr\u00e4uleins von hier \u00fcber die autobahnbr\u00fccken, des tales wegen.<\/p>\n\n\n\n<p>sp\u00e4ter oder fr\u00fcher m\u00fcssen wir dar\u00fcber reden, warum das dirndl ihm wieder geschrieben hat und \u00fcber das verh\u00e4ltnis der beiden, zueinander, von dem die leute in seiner heimat, in der es nun arbeitet und lebt, sagen w\u00fcrde, \u201edas ist ja nicht mal ein verh\u00e4ltnis, was ihr da habt\u2019s, da schreib ich dir ja \u00f6fter als ihr euch.\u201cdas man aber von au\u00dfen betrachtet genauso wenig beschreiben kann als sie es von innen betrachtet k\u00f6nnten. tats\u00e4chlich ist es so, dass es wieder und hin an ihn gedacht hat, und dass es dann nat\u00fcrlich wissen wollte, ob er das auch noch tut, an es denken, und das wei\u00df es nun, weil er dem dirndl nicht nur geantwortet hat, nein, er hat ihm sofort geantwortet und er hat es auch sofort gefragt, ob sie sich wieder sehen k\u00f6nnten, weil er zuf\u00e4llig bald in seine heimat fahren w\u00fcrde. das wei\u00df es nun also, und es freut das dirndl, deswegen r\u00e4umt es seine wohnung auf, und kauft sich neue unterw\u00e4sche, schwarz, weil es sich am liebsten in schwarz ausziehen l\u00e4sst, und neue bettw\u00e4sche, und es versucht, die spinnweben und die weberknechte zu entfernen, aus seinen r\u00e4umen, weil die sich ausbreiten, alles einnehmen, sobald es mal nicht hinschaut, f\u00fcr zwei sekunden. sonst versucht es nicht einmal mehr, dagegen anzukommen, gegen die klebrig gespannten f\u00e4den, gegen den staub, gegen den dreck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WIR M\u00dcSSEN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>die Lambdasonde austauschen, erkl\u00e4rt der mechaniker dem dirndl. um die 300 euro w\u00fcrde das kosten und dass das typisch w\u00e4re f\u00fcr dieses automodell. dass sich das die marder gerne aussuchen w\u00fcrden, dieses kabel, weil das so sch\u00f6n frei liegen w\u00fcrde bei dem auto. und leider, ja leider m\u00fcsse man da die ganze sonde austauschen, das gehe nicht anders, weil das kabel k\u00f6nne man nicht gesondert bestellen. was es da dagegen machen k\u00f6nne in zukunft, fragt das dirndl. weil das auto w\u00fcrde st\u00e4ndig im freien stehen. dem dirndl ist das auto tats\u00e4chlich nicht so wichtig, obwohl sein auto der einzige ort ist, indem es weint. sonst hat es sich verboten, tr\u00e4nen zu vergie\u00dfen, aber immer wenn es von wolfsberg \u00fcber die pack in die steiermark f\u00e4hrt, in den tunneln, wo es keiner au\u00dfer uns sehen kann, da heult es dann doch, nicht? was es also da dagegen machen k\u00f6nne, dass das nicht noch einmal geschieht, fragt unser dirndl. \u201ebringen sie den marder um\u201c, bekommt es als antwort, und es spart sich, darauf zu sagen, dass das nichts bringen w\u00fcrde, weil es nicht nur einen marder in k\u00e4rnten gibt, sondern unz\u00e4hlige. sp\u00e4ter erz\u00e4hlt es thomas von der autowerkstatt und dass ein kunde es f\u00fcr die neue sekret\u00e4rin dort gehalten habe, es \u201efr\u00e4ulein sekret\u00e4rin\u201c, es \u201edirndl\u201c. und dass es morgen nochmal hinfahren m\u00fcsse, weil die werkstatt da erst das ersatzteil habe und ob er schon wei\u00df, wann er morgen ankommen werde, weil. es hoffe, dass bis dahin das auto schon fertig sein werde. er antwortet eine zeit und dass er sich freut und dass er sich alte fotos vom dirndl ansehe, die es ihm letztes jahr geschickt habe. hinter dem zwinkernden emoji, den unser dirndl ihm als antwort sendet, versteckt es die frage, wo er die bilder gespeichert hat. ob da ein ordner vom dirndl in seiner cloud liegt. wir k\u00f6nnen uns schon fragen, wie naiv es eigentlich ist, unser dirndl, wenn es m\u00e4nnern fotos schickt, die es nicht ver\u00f6ffentlicht haben m\u00f6chte. wir k\u00f6nnen nicht einmal sagen, dass dirndl wisse es halt nicht besser, denn das wei\u00df sogar unser dirndl, dass man das nicht tun darf. aber was soll man da schon noch sagen, au\u00dfer, dass das dirndl wohl einen leicht selbstzerst\u00f6rerischen zug hat, in sich tr\u00e4gt, das liebe m\u00e4derl, dem sieht man seine verdorbenheit gar nicht an, aber lassen sie sich da ja nicht von seiner s\u00fc\u00dfen h\u00fclle t\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>HIER BLEIBT NICHTS<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>unbeobachtet. als er mit seinem wagen die auffahrt hochf\u00e4hrt, kann unser dirndl beobachten, wie sich die vorh\u00e4nge der nachbarin bewegen, gleich wie sich die vorh\u00e4nge bewegen, wenn es in der fr\u00fch zur arbeit f\u00e4hrt, wenn es am abend von der arbeit nach hause kommt, wenn es im winter schnee schaufelt, wenn es zum laufen das haus verl\u00e4sst, \u201ewenn ich das gewusst h\u00e4tte, fr\u00e4ulein, dass sie auch denselben weg haben, h\u00e4tt ich sie mitgenommen\u201c. keinen schritt kann es hier setzen, ohne dass es jemand wei\u00df. f\u00fcr unser dirndl geht es ja noch, es ist ja nur aus einem fremden bundesland gekommen, es wird nur mit blicken beobachtet, nur gefr\u00e4uleint, nicht? das wird es wohl aushalten, unser dirndl. anders ist es, wenn man von einem fremden land kommt, dann bleibt kein schritt undokumentiert, mit fotos, mit videos, mit postings im internet, \u201ehaben\u2019s schon geh\u00f6rt, jetzt war schon wieder die rettung bei der unterkunft\u201c, \u201ehaben\u2019s das gesehen, jetzt war schon wieder die polizei bei der unterkunft\u201c, \u201ehaben\u2019s das geh\u00f6rt, die sollen junge frauen angegriffen haben\u201c, das sind ja alles kriminelle, die sie da ins land gelassen haben, die sollten besser in ihren heimatl\u00e4ndern im osten bleiben, wo genug platz ist, aber das versteht das linke gesindel in wien ja nicht, dass man da ja was dagegen tun muss, als guter b\u00fcrger, als \u00f6sterreicher. die passen nicht in unsere kulturlandschaft, die fl\u00fcchtlinge. und, die w\u00f6lfe, die passen nicht in unsere kulturlandschaft. da muss man ja was tun, als guter j\u00e4ger, als \u00f6sterreicher. aber das verstehen die gutmenschen in wien ja nicht, dass man da ja was dagegen tun muss, das sind ja wilde raubtiere, die sie da ins land gelassen haben, die sollten besser in ihren heimatl\u00e4ndern im osten bleiben, wo sie gen\u00fcgend platz haben, \u201ehaben\u2019s das geh\u00f6rt, die sollen junge k\u00e4lber auf der alm angegriffen haben\u201c, \u201ehaben\u2019s das gelesen, jetzt war schon wieder ein wolfsriss auf der koralm\u201c, \u201ehaben\u2019s das geh\u00f6rt, da hat gestern jemand einen wolf gesehen\u201c. wenn man von einem fremden land kommt, dann bleibt kein schritt unbeobachtet, nichts bleibt hier, nicht? auch thomas ist nicht geblieben, er hat es nicht ausgehalten, deswegen ist er nach wien gegangen. und das erste, was er zu unserem dirndl sagt, ist auch<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDU GEH\u00d6RST HIER NICHT HIN, LISA\u201c,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>w\u00e4hrend es ihn begr\u00fc\u00dft mit \u201ewillkommen im lavanttal, der psychiatrie k\u00e4rntens\u201c. das ist nat\u00fcrlich kein sehr subtiler, kein sehr origineller spruch vom dirndl, nicht? aber wie subtil, wie originell muss man tats\u00e4chlich sein, wenn doch die menschen hier nat\u00fcrlich von den br\u00fccken fallen wie die fliegen, des tales wegen, immer des tales wegen, nicht? nur darf dar\u00fcber nicht gesprochen werden, nein, dar\u00fcber nicht. zu grabe getragen werden hier keine menschen, grabreden werden hier nur auf die orte im tal gehalten, auf die ortskerne, die betrauert werden, weil sie leer stehen. die versucht die politik, mit allen kr\u00e4ften wieder zu beleben. ortskernwiederbelebung, w\u00e4hrend die menschen totenoffizien durch die verfallenden orte abhalten, \u201eruhe in frieden, wolfsberg\u201c. man kann auch schon riechen, wie die stadt verfault, wie alles br\u00f6ckelt hinter den fassaden. die bewohner sind wie bakterien, die den prozess vorantreiben, sind die f\u00e4ule, die sich in den leerst\u00e4nden ausbreitet. leerstandsmanagement wird betrieben, aber die menschen wollen keine begegnungszonen in den innenst\u00e4dten, weil sie wollen sich nicht begegnen, die menschen wollen mehr parkpl\u00e4tze, mehr, mehr, mehr. und man hofft ja, dass alles besser wird, sobald es den tunnel gibt, sobald es den koralmtunnel gibt, aber der bohrer bleibt immer wieder stecken, nicht? weil was gott getrennt hat, das soll der mensch nicht vereinen, so hei\u00dft es doch, nicht? aber da wird gebohrt und gegraben, und abgegraben und gebohrt, nach modernen kristallen, unter dem berg. auf dem berg markieren die windr\u00e4der die landesgrenzen. ruhe f\u00fcr das tote land gibt es nur im winter, wenn es schneit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SCHNEE HAT SEINE VORTEILE,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>der deckt alles so sch\u00f6n ab, dem w\u00fcrde thomas auch zustimmen, aber unser dirndl ist sich da nicht so sicher, ob das tats\u00e4chlich so ist. weil irgendwann ist jeder schnee weg, nicht? und was dann? dann sieht man wieder klar, was man begraben wollte, nicht? vielleicht ist sie aber doch schon zu sehr ein fr\u00e4ulein vom lande geworden, nicht? w\u00e4hrend sie auf ihrer couch sitzen, versucht es ihm, in wiederholung, zu erz\u00e4hlen, warum es hier ist. und er beugt sich zum dirndl und k\u00fcsst es, \u201eum ihm die nervosit\u00e4t zu nehmen\u201c, meint er. sie haben nicht dar\u00fcber gesprochen, wie lange er bleiben kann, aber er hat seine tasche mit, und es hat lebensmittel f\u00fcr seinen k\u00fchlschrank gekauft, sogar milch, weil es wei\u00df, dass er seinen kaffee mit milch trinkt. und sp\u00e4ter, als sie sich hin legen, schaut er einen film, w\u00e4hrend es einschl\u00e4ft. und am n\u00e4chsten tag richtet es das fr\u00fchst\u00fcck am balkon, weil es warm genug ist, weil die sonne scheint. und es erz\u00e4hlt, dass es eigentlich sonst nie am balkon sitzt, wegen der nachbarn, weil es ihre ruhe will, und er versteht das nicht, dass es sich da so einengen l\u00e4sst, aber er kann das auch nicht mehr verstehen, er ist ja nicht mehr da. und er fragt das dirndl, wie es das aush\u00e4lt, weil er k\u00f6nnte das nicht mehr. und es meint, naja, es ginge schon, es w\u00e4re schon manchmal, kaum zu ertragen, aber es lerne daf\u00fcr viel, \u00fcber die menschen. weil es hier halt nicht seine filterblase als schutz h\u00e4tte. oder es sehe jetzt vieles, was es vorher zwar geh\u00f6rt hatte, aber nicht glauben konnte. ein bisserl naiv ist unser dirndl, nicht? das hat, bevor es herkam, nicht wirklich dran glauben k\u00f6nnen, dass die leute hier den haider wirklich so verehren, dass der wirklich noch immer so ein heiliger ist. dass da wirklich fast jeder eine geschichte erz\u00e4hlen kann, dass er mit dem haider bier getrunken hat, hier. weil die leute das gef\u00fchl haben, der h\u00e4tte an sie gedacht und vorher h\u00e4tten alle auf sie vergessen gehabt. dass war dem dirndl nicht so klar vor augen, erz\u00e4hlt es ihm jetzt. oder dieser k\u00e4rntner abwehrk\u00e4mpferbund und diese verachtung der menschen f\u00fcr das slowenische. dass das wirklich so tief gehe, dass h\u00e4tte es vorher nicht so glauben k\u00f6nnen. es wei\u00df schon, es m\u00fcsste st\u00e4rker sein, und es m\u00fcsste viel st\u00e4rker widersprechen, wenn hier leute sagen, dass homosexuelle nicht heiraten d\u00fcrfen sollten, oder dass das \u201egest\u00f6rte leute sind\u201c und dass man daf\u00fcr nicht geb\u00fchren zahle, dass der orf so einen schwachsinn wie den life ball \u00fcbertrage. oder wenn die leute witzeln, dass man jetzt nach #metoo ja nichts mehr sagen d\u00fcrfe, und dann einen sexistischen schm\u00e4h nach dem anderen bringen. am anfang, ja, da hatte es noch, geredet, und erkl\u00e4rt, und geredet, und erkl\u00e4rt, als links-link wurde das dirndl deswegen bezeichnet. dar\u00fcber hatte es dann auch noch gelacht, ja. aber seit es hier ist, ver\u00e4ndert sich die sprache, schleichend, in wellen, kippt chronisch, vergessene w\u00f6rter fluten vermehrt zur\u00fcck in die k\u00f6pfe. darin ertrinkenden gehirnen ist es wieder m\u00f6glich, laut zu sagen, \u201emeine wohnung will ich aber nur an inl\u00e4nder vermieten\u201c, weil es ist ja auch m\u00f6glich, laut zu sagen, dass man gefl\u00fcchtete menschen konzentriert halten wolle, nicht? weil \u201edass ist ja schon so lange her, das hat ja nichts damit zu tun, da denkt doch keiner mehr dran, an diese zeit, das haben doch schon alle vergessen, da wird man gewisse w\u00f6rter doch schon wieder sagen d\u00fcrfen.\u201c deswegen darf auch wieder \u00fcber achsenm\u00e4chte gesprochen werden, im land, und gefl\u00fcchtete menschen, die werden schon nach wie vor untergebracht, auch im tal, aber auch hier am liebsten weit weg, von den orstkernen, abgelegen, konzentriert. sind ja gut um die sinkenden bev\u00f6lkerungszahlen aufzubessern, aber sichtbar wolle man sie nicht haben, vergessen wolle man, dass die da sind. unser dirndl hat l\u00e4ngst damit aufgeh\u00f6rt, den mund aufzumachen, wenn \u00fcber gefl\u00fcchtete menschen gesprochen wird wie \u00fcber tiere, weil es zu m\u00fchsam ist, weil es ja doch nichts bringt, weil es dem dirndl schon lange nur mehr ums eigene \u00fcberleben geht, mehr schafft es nicht mehr. weil die weberknechte haben l\u00e4ngst auch schon klebrige f\u00e4den um seinen k\u00f6rper gespannt, der mund zugen\u00e4ht im kreuzstich. weil es auch angst hat, wenn es versucht, den mund wieder aufzurei\u00dfen, dass dann die ganzen spinnentiere, die es die letzten monate geschluckt hat, wie im schlaf, dass die dann aus ihm herauskrallen und sich seiner bem\u00e4chtigen werden. manchmal, erz\u00e4hlt das dirndl dem thomas, wenn jemand redet und redet und redet, und sie die w\u00f6rter kaum ertragen k\u00f6nne, weil jedes einzelne es tr\u00e4fe, weil jedes einzelne ihm das r\u00fcckgrat breche, weil jedes doch vergessen bleiben sollte. dann stellt es sich vor, dass es anfangen w\u00fcrde, laut zu schreien und einfach wegzurennen. \u201emanchmal hoffe ich, dass ich wirklich eines tages laut schreien und wegrennen werde\u201c, sagt es dann. aber wir wissen alle, dass unser dirndl nicht laut genug schreien kann daf\u00fcr. das dirndl ist einfach keine k\u00e4mpferin, das dirndl will das alle es m\u00f6gen, das dirndl ist schwach und ruhig und nett. das dirndl ist ja ein liebes m\u00e4derl, \u201edas viel zu gut ist f\u00fcr die welt\u201c. immer will es allen gefallen, unser dirndl, deswegen l\u00e4sst es sich auch alles gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ER SCHAUT IN DIE SONNE,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>w\u00e4hrend er unserem dirndl zuh\u00f6rt, und dann fragt er es: \u201ewas kann ich tun, damit du zu mir kommst?\u201c und dann korrigiert er sich und sagt: \u201eich meine lisa, weil es darum geht, was du willst: was k\u00f6nnen wir tun, damit du nach wien kommst?\u201c weil er wei\u00df schon, dass das auch der plan vom dirndl ist: seine stadt, weil \u201edu geh\u00f6rst hier doch nicht hin\u201c, weil \u201eich bin davon \u00fcberzeugt, dass du alles schaffst\u201c, weil \u201ejede reise beginnt mit dem ersten schritt\u201c. und er sagt auch, er w\u00fcrde helfen, mit dem umzug, und der wohnungssuche und wo er sonst halt kann. und wir wissen noch immer nicht viel \u00fcber ihr verh\u00e4ltnis zueinander, aber wir wissen, dass er vorher zum dirndl gesagt hat, \u201ewenn du in wien w\u00e4rst, k\u00f6nnten wir jeden tag miteinander verbringen, meine liebe\u201c, und wir wissen, dass das viel bedeutet. und unser dirndl stellt sich diese welt vor, in der es bei ihm ist, sieht sich mit ihm gemeinsam zur u-bahn rennen, und das dirndl muss l\u00e4cheln, weil es so sch\u00f6n w\u00e4re. und zugleich wissen wir, wei\u00df es, das wird nicht, geschehen, nur er wei\u00df es in diesem moment nicht und er wei\u00df auch noch nicht, dass er es vergessen wird, so wie er seine heimat vergessen will. unser dirndl wird so vergessen werden, wie diese orte hier es schon sind. es geh\u00f6rt hier vielleicht nicht hin, das hat er schon richtig erkannt, aber es geh\u00f6rt eben auch nicht in seine stadt, weil es eben nicht geh\u00f6rt und nicht geh\u00f6rt wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AUCH SIE, GESCH\u00c4TZTE LESENDE,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>werden unser dirndl wieder vergessen, sie werden vergessen, dass sie je ihm wussten, und von diesem tal, sie werden vergessen, weil es ja \u201ezum vergessen ist\u201c werden sie sich sagen, \u201ees ist zum vergessen\u201c. wieder und hin werden sie ans vergessen erinnert, weil es in \u00f6sterreich ja zum guten ton geh\u00f6rt, dass journalistinnen und autoren und journalisten und autorinnen in regelm\u00e4\u00dfigen abst\u00e4nden in die peripherie fahren, mit dem auftrag, sie wollen verstehen, mit dem auftrag, das m\u00fcsse man zeigen, wie schlimm das alles noch immer sei, sonst k\u00f6nne man es ja nicht ver\u00e4ndern. \u201eso schlimm ist das, unfassbar ist das, wie das 2018 noch immer m\u00f6glich sein kann\u201c. demographische abwanderung, alkohol, rechtsruck, alkohol, hass auf ausl\u00e4nder, alkohol, leerst\u00e4nde, alkohol, volksfeste, und dann schreiben sie vielleicht eine reportage, nicht? \u00fcber vergessene d\u00f6rfer und st\u00e4dte, am besten \u00fcber einen ort mit einem sehr, sehr rechten b\u00fcrgermeister, einem nazi, nicht? oder \u00fcber ein dorf, an dem es die meisten rechtsw\u00e4hler, also sehr viele nazis auf einem haufen, in \u00f6sterreich, dem naziland, gibt, nicht? dann erscheinen diese reportagen, anschaulich bebildert, in hochglanzmagazinen und die leute, die sich von den d\u00f6rfern, also den nazihorten, entfernt haben, k\u00f6nnen das lesen und sich moralisch erhaben f\u00fchlen, \u00fcber die ganzen nazis, und der journalist oder die journalistin bekommt einen h\u00fcbschen preis daf\u00fcr verliehen, f\u00fcr diese detailgetreue beschreibung der nazis, f\u00fcr diese authentische schilderung der nazis, weil da muss man ja mal ganz genau hinschauen, auf die nazis, nicht? genauso zum guten ton geh\u00f6ren romane, in denen man seine heimat, also das naziland, basht, in denen man ganz subtil keller, am besten nazikeller, einflechtet in die geschichte. und nazis, nazis, nazis, nazis und die katholische kirche, also die nazikirche, vergleicht. man muss BERNHARD IN A NUTSHELL sein, man muss die beste bernhard-imitation ever abliefern, in \u00f6sterreich, dem nazireich, man muss auf nazi-\u00f6sterreich herabsehen, man muss nazi-\u00f6sterreich verachten, und dann bekommt man auch daf\u00fcr vielleicht einen feschen preis verliehen, am besten den GROSSEN nazi-\u00f6sterreichischen staatspreis, nicht? weil staatliche preise und f\u00f6rderungen nimmt man dann schon trotzdem an, ja, man sagt sich, man leistet ja was f\u00fcr \u00f6sterreich, das nazireich, und f\u00fcr die \u00f6sterreichische kultur, die nazikultur. man sagt sich, man tr\u00e4gt ja zur bildung der nazis bei, man tr\u00e4gt ja dazu bei, dass die leute, also die nazis, nicht aufs vergessen vergessen. man sei ein bildungstr\u00e4ger, und dadurch \u00e4ndert sich vielleicht ja was, wenn man die bildung nur oft genug tr\u00e4gt, ertr\u00e4gt, solange bis sie. da hat die literatur dann pl\u00f6tzlich gro\u00dfen einfluss auf die wirklichkeit, wenn\u2019s grad ins konzept passt, nicht? aber was die beschreibung von frauen und beziehungen angeht, na, da schreibt der \u00f6sterreichische autor dann doch lieber sexistisch und a bisserl \u00fcbergriffig, weil wissen\u2019s eh, alles andere, das wollen sie, verehrte leser, wollen die leute ja net lesen. und ist doch gut, ist doch gut, wenn\u2019s da dann dr\u00fcber lachen k\u00f6nnen, wenn man frauen wie dinge benutzt, ist ja nur ein text, ist ja nur ein text, das hat ja nichts mit der realit\u00e4t zu tun, das hat ja keinerlei, nicht die geringsten auswirkungen auf die wirklichkeit, nicht? und ein bisserl vom gl\u00fccksspiel kann man sich schon auch sponsorn lassen als schriftsteller, nicht? man muss ja auch von irgendwas leben, nicht?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WIR SOLLTEN NIE VERGESSEN<\/strong>,<\/p>\n\n\n\n<p>dass wir f\u00fcr geld alles tun w\u00fcrden, ich, du, wir, jeder einzelne in diesem land. <em>die vergessenen orte<\/em>. wir sollten nie vergessen, dass wir f\u00fcr geld alles schreiben w\u00fcrden, ich, du, wir, jeder einzelne in diesem land. <em>die vergessenen orte<\/em>. wir sollten nie vergessen, aber vergessen ist das einzige, was wir gelernt, das einzige, was wir wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergessene Orte. Kurzprosa. 4 Seiten (A4).Printed by Risograd, Graz. 2019. VERGESSENE ORTE \u201eauf uns, hatte man ja vergessen, abgelegt, unser tal, keine ordentlichen stra\u00dfen, hin, auf uns, da hat keiner geschaut, war allen egal, was mit uns passiert, wir waren ja nicht wichtig, fr\u00fcher, nichts haben wir gehabt, das k\u00f6nnen sie sich jetzt gar nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-116","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":638,"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/116\/revisions\/638"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/abwesenheitsnotizen.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}