1 Sammlung von Wörtern

Wir werden, eine Sammlung von Wörtern, beginnen, und sie zu unseren Müdigkeiten stellen. Als erstes schreibe ich ab: nur stückweise bin ich imstande zu leben, nur stückweise bin ich imstande zu schreiben. Später werde ich ergänzen wollen: Zuneigen. AS wird schreiben, drückt ihre Hand gegen das feine Material. RH, die Spuren verlaufen flächig, nicht tief. Wir werden alle gesammelten Wörter aufhängen, noch später, und sie mit Fäden verbinden. Neues Leben. Wir werden zu ihnen aufblicken und ich werde denken, dass es schneit, obwohl es doch fliedert. RE, es flort wie immer um mich herum, es flirrt und flittert über und über. Es wird Fotos davon geben und ich werde versuchen, da zu sein und zu lächeln. (Ich will das, versprechen.)

(AS: Anna Stadler, RH: Raffael Hiden, RE: Raoul Eisele)

wo ich sicher bin,

Dieses Mal war der Boden nicht schief (oder ich wollte es nicht wahrhaben). Ich bin auf ihm gesessen, an die eine Wand gelehnt und hätte dennoch die andere mit der Hand berühren können. Wo ich sicher bin: wenn die Wände mir sehr nah kommen und ich alleine in ihnen bin. Dieses Mal war der Boden nicht schief, er hat sich nur immer weiter und weiter und weiter bewegt, er hätte es theoretisch jederzeit kippen können, aber ich war schon immer eine Meisterin im Ausbalancieren, ich hab fünf Minuten für mich geweint, meine Tränen fürs Gleichgewicht, und dann weiter, und dann weiter, und dann weiter, nicht.

1 dialog

Das hier kann nur sein, ein Dialog, der sich verfängt, in einem Netz aus Interpretationen. Du hättest mir angemerkt, oder doch in der Vergangenheit?, ich denke an den Schnee, der nicht mehr fällt, an das Unheimliche in jeder Kommunikation. An Verzögerungen, Warnungen, Stoppschilder. 

(schreiben)

“Ich will doch wieder in die Stadt”, schreibe ich. “Ich will doch wieder in diese Stadt und dieses Mal will ich versuchen, nicht das Ende zuerst zu schreiben.”

UNSERE TAGE : VERMESSEN (wir, 1 Aerograph:in)

Text von Michelle-Francine Ulz & Julia Knaß

Unsere Tage werden zu Unterschieden zwischen: 
was wir spüren möchten, was nicht, 
was wir spüren können, was nicht,
uns als EBENE und dreidimensional,
uns als Gleichung: sich aufhebend.
Unsere Hüftknochen, die sich in den BODEN fressen,
uns fragen: sind wir jetzt unter uns, sind wir hart? 
Was wir ALLES auflösen werden, was wir ALLES werden können: XYZ. 
Wir sind Wunsch und Wunschprojektion: SUBJEKTE, QUEER.

(1) Unsere Mittteilungsabsicht: Was sich unter euren HOSEN wölbt, was unter unserer langsam verschwinden wird

Unsere Tage werden Listen schreiben, was in unsere Münder darf, was nicht. Was sich gegenüberstehen wird: MÄNNERNAMEN und NAHRUNGSMITTEL. Sich überschneidende Parallelitäten und ihr werdet für uns sein: Weißbrot und Kuhmilch. Und es wird einfach werden: euch zu vermeidenh in vollen Supermarktregalen, unser KÖRPER kann sich an ALLES gewöhnen. 

Unsere Tage werden wieder, wir in anderen Vermessungen als SPITZWINKEL, von allen Seiten. Und wir werden den Zirkel ansetzen, um ganz sicher zu sein, dass wir UMRUNDET werden, in 360 GRAD, und wie wir aufgehen werden: in KREISRUNDE FORMEN. Wir haben das immer gut gekonnt, uns als Medium inszenieren und was ihr schon noch begreifen werdet: unsere Mitteilungsabsichten. 

(2) Intentio Auctoris und die Begegnung zwischen unseren Beinen: WERK.

Unsere Tage werden nicht gelistet sein, in eurem Werk, in eurem Mund, und in unseren kommt nur, was wir nicht spüren müssen. Abends wollen wir eine Aerograph:in sein, die ihre STOFFE selbst vermisst, bis wir uns verdichtend in ZAHLEN auflösen: den KILOMETERN, die wir zwischen eure Körper und uns gelaufen haben (heute: 10), der Einkaufsliste und wie viele Abweichungen von ihr es gibt (heute: 3), wie oft wir daran gedacht haben, doch zu SCHLUCKEN und wie oft wir daran gedacht haben, euch doch zu schreiben (was wir gegeneinander austauschen können, heute: 2:1).

Unsere Tage werden wiederholend, in ZUFÄLLIGEN Begegnungen, in anderen Blicken, aus denen wir uns lieber betrachten als aus euren. Wir sind immer auf der Suche nach einem neuen Gegenüber, einem, das uns schreibt: WIR NEHMEN ALLES VON EUCH, WAS WIR BEKOMMEN DÜRFEN. Wir sind auf der Suche nach etwas anderem, das uns AUSWEIDET und uns dann ein GEWICHT verleiht in einer anderen Welt, so, dass wir keines haben müssen, in der euren.

Unsere Tage werden zu abnehmenden und zunehmenden KÖRPERN, nicht alle davon sind wir, aber jeder fühlt sich nach uns an, was unser KÖRPER sein kann, sehe ich in Gesichtern, die sich über uns beugen, um uns zu lieben oder uns zu vermessen oder um sich selbst zu lieben oder sich selbst zu vermessen, nichts davon ist geschehen, alles davon ist WAHR.

Unsere Tage werden zu FALLENDEN Ringen und was ihr nie aufheben werdet: unser GEWICHT. Aufgelöst nur an den Stellen, an denen wir etwas hätten zulassen können. Und was ihr nie über uns wissen werdet: ihr und Karotten erzeugen GERÄUSCHE im Hals und die Knöcheln an den FINGERN, die haben wir uns nie beim Sport verletzt. Ihr seid auch nie in unsere Leben, sondern immer nur in unsere Körper getreten und nach euch: haben wir uns das beigebracht, Sicherheitsabstände ganz ohne ZAHLEN.

(3) Ein Sicher SEIN in Schätzwerten

Unsere Tage werden zu VERSPRECHEN und wir werden das für immer so können. Schaut uns nicht in die Augen, sondern in den MAGEN. Was ihr dort sehen werdet: euch selbst, schon leicht verdaut und was wir geschluckt haben an Worten und was in uns hängen bleibt: GESCHICHTEN, die wir uns einflößen, um SATT zu sein. Wir sind nie VOLL genug.

Unsere Tage werden zu Aufstehwunschlisten (für jedes Mal aufstehen, erfüllen wir uns einen WUNSCH!), alles, was wir schreiben, können wir zusammenfassen mit: unsere Finger sind nie so KLEBRIG wie unsere Gedanken, obwohl wir uns Mühe geben, uns aneinander fest zu machen, aber nichts bleibt EWIG im Mund, irgendwann müssen wir ALLES schlucken, selbst die schädlichsten Wörter, irgendwann kommt ALLES wieder raus.

Unsere Tage werden zu: uns selbst fühlen, dicht gedrängt, am HEIZKÖRPER, die ROTEN STELLEN, wenn wir nackt sind, zählen (unsere Schenkel sind LAVA und: rette sich, wer kann!). Wie wir die Finger ineinander verketten, weil wir noch da sind. Was sich wird decken müssen: die ZAHL auf der WAAGE, die ZAHL der KÖRPER.

Unsere Tage werden KONTROLLVERLUSTE. Wir haben die Welt bis zum Anschlag in uns gelassen, unseren Mund weit aufgerissen. Wir haben die Welt, versucht, mit unseren BEINEN zu tragen und Kilometer zu laufen. Wir haben die WELT früher auch nur in KATEGORIEN getragen, die wir jetzt im MUND wie ZUCKER auflösen. 

(4) einen RAUM schaffen

Unsere Tage werden zu Körpercollagen und was sich damit abbilden lässt. Wir zerschneiden die Bilder der anderen (die von uns) und verkleben sie in unstimmigen Erinnerungen neu zusammen. Mit unserem Körper illustrieren wir ein ABSCHIED NEHMEN und eure UNSICHERHEIT. 

Unsere Tage werden zu gelesenen Texten, in Fineliner notieren wir auf unserer linken Hand TAKING REVENGE IN ART, in unseren Kalender markieren wir die Tage, in denen wir noch an euch gedacht haben, die Tage mit und ohne Alkohol, die Tage, in denen wir doch lieber euch in den Mund genommen hätten als uns anzunehmen. Diese Tage nehmen ab, wir nehmen zu.

Unsere Tage, die vor uns liegen: Wir erdenken sie als Haus, als einstürzende Neubauten. Treten Sie ein. Willkommen. Wir haben einen RAUM geschaffen. Die Tür sperrangelweit offen gelassen. Gehofft, genug kommen, um zu sehen und bei uns zu bleiben.

1 Schattenspiel

(1)

Du könntest 1 Roman schreiben, über all deine Beziehungen zb.
Arbeitstitel: Flaschendrehen.

Als sich ihre Hand auf seine legt, wird sie kalt.
Er bemerkt nur ihre Kälte, nicht den Zusammenhang. 

Als sie noch 1 Mensch war, schrieb sie in ihr Notizheft:
“Ich weiß manchmal nicht, ob sie mich lieben oder
sie nur die potentielle Mutter ihrer Kinder in mir sehen 
(oder ob es dasselbe ist?)”

(2)

Du könntest darüber schreiben, wie schnell ich mich gedreht habe.
Arbeitstitel: Kettenkarussellgedanken.

Als er sich auf sie legt, berührt sie mit der linken Hand leicht die Wand,
die sie selbst ist. 

Als sie noch 1 Mensch sein wollte, schrieb sie in ihr Notizheft:
“Ich bin 1 Betrügerin: Jedes zweite Mal habe ich Sex,
weil Sex für mich einfacher ist, als nein zu sagen”

(3)

Du könntest schreiben, dass die Zukunft den Quallen (Gespenstern) gehört.
Arbeitstitel: Alles, schweben

Als er ihr versichert, dass sie sich nicht verändern muss für ihn,
schafft sie es trotzdem nicht, sie selbst zu bleiben.

Als sie 1 Puppe geworden war, schrieb sie nicht mehr in ihr Notizheft.
Sie war seines, seines, seines.

(4)

Sie ist auf einem verstaubten Fauteuil abgelegt worden, das mit 100 Euro bepreist ist. Ihren eigenen Preis kann sie nicht lesen, weil er auf ihrer linken Hand aufgeklebt ist und sie den Kopf nicht mehr drehen kann, ohne ihn zu verlieren (1 Schraube fehlt). 

Was sie sehen kann, solange sie geradeaus blickt: 1 altes Geschirrset, 1 Lampe, Brettspiele, Abendkleider etc. (Die Szenerie ändert sich regelmäßig vor ihr, sie bleibt).

Aus den Augenwinkeln erkennt sie das Fenster, auf dem sie lesen kann:
O R T E R / K I T N A 

Sie weiß noch, so ist es verkehrt, aber sie kann die Buchstaben nicht mehr selbst umdrehen.

An welche Farbe denkst du

Ich warte darauf, dass etwas kippt, dass sich etwas verändert.

In mein Notizbuch schreibe ich: Welche Farben haben deine Gespenster?
Ich stelle mir vor, du antwortest:

Du: Sie regnen, meine Gespenster.
Ich: Das ist schön, aber das ist keine Farbe.
Du: An welche Farbe denkst du bei Regen?
Ich: An das Gegenteil von Farbe.
Du: Wie meinst du das, Lisa?

Aber du kannst mir in meinem Notizbuch nicht antworten. Keine Fragen stellen.
Also bleibe ich dir Antworten schuldig.

Später schreibe ich in ein Dokument in meiner Cloud, Titel: draußen 1 Gespenst:
“Als Lisa versuchte nach draußen zu sehen, um den Spukgeräuschen eine Ursache zuordnen zu können, sah sie nicht, weil der Regen gegen die Fenster stürzte.”

In meinem Notizbuch vermerke ich, angefangen “Die Welt der Farben” zu lesen, daran gedacht, dir zu schreiben, Stichwort Chromophobie.

Ich: “Viele Schriftsteller der Klassik hielten nichts von Farbe, sie lenke nur von den wahren Werten der Kunst ab: Linie und Form. Farbe wurde als Ausschweifung und später als Sünde betrachtet: ein Zeichen von Verstellung und Unaufrichtigkeit” (Kassia St. Clair, Die Welt der Farben, S. 36)
Du: Das fügt sich perfekt, Lisa. Aber so hatte ich das gar nicht gemeint.
Ich: Ja, ich weiß. (& entschuldige meine verspätete Antwort!)
Du: Kein Problem.
Ich: draußen ist 1 Gespenst, aber es muss eine Farbe haben. Ich scheitere daran, ihm eine richtige Farbe zu geben.
Du: Ist es nur 1 Gespenst?

Du fehlst in meinen Notizen. Deswegen weiß ich nicht, wie du das mit dem “nur” gemeint hast.

Später schreibe ich in die Cloud:
“Lisa wandte sich dem Bildschirm zu und öffnete Twitter, um die aktuelle Farbe zu erfahren: @everycolorbot. 0x7e4159. Sie öffnete einen weiteren Tab und gab “Wetter, Graz” ein. Stark bewölkt. Niederschlag 3 %. Luftfeuchtigkeit 81 %.”

In meinem Notizbuch: “Der Regen, der gegen die Fenster stürzt” (Ilse Aichinger, Die schlechten Wörter, S. 14)

Ich: Vielleicht ist draußen mehr als 1 Gespenst.
Du: nur 1 Gespenst.

wie ich über dich liebe usw.

(1)

wie ich dich in meiner stimme, zerfließend / zerfleischend, du fragst mich nach dem unterschied, ich will aber nicht

(2)

in wien brauch ich weniger schlaf, hab aber intensive träume, in denen ich in meiner alten schule bin, 1 roadtrip nach slowenien mache, sachen sage, wie, schreib mal so einen text, damit ich dich ernst nehmen kann, und dann wache ich auf, ohne einen übergang

(3)

(schwärzen)

(4)

gedanken an dich in harten farben versenken. nur mehr jeden 16. tag in träumen aufwachen, in denen du hinter mir stehst,

oder ich träume, ich hab deinen namen vergessen und nach dem aufwachen denke ich 30 minuten darüber nach, wie du heißt, aber da ist nichts. du hast deinen arm um mich gelegt, ohne namen und in meinem kopf war das foto von uns vom vorjahr, da hättest du noch jemand sein können, den ich erfunden habe, ich weiß schon, worin ich dich erinnere

(5)

die gedanken sind ja längst nicht mehr sicher, vor uns, sie sind vielleicht aus lavendel, ja, und schmecken nach gefrorenen himbeeren, aber sie sind nicht mehr sicher vor uns. oder wenn sie hinter uns liegen werden, wirst du dich dann dafür entscheiden, dich umzudrehen, weil ich denke ich werde mit kreide deinen blick aufmalen auf mich, wenn (& es wird in violett untergetaucht sein, was in unserem kopf nicht sein kann)

(6)

was bleibt [“ich weiß ja nicht einmal, wie du deinen Kaffee trinkst, vertrau mir doch nicht”]

(7)

mir war so nach deiner abwesenheit, fast hätte ich dich gebeten, zu mir zu kommen

 (8)

meine erinnerungen an dich in anderen menschen suchen usw., immer wenn ich vergessen habe, wie deine stimme klingt, treffe ich dich zufällig in der stadt