was mir alles weh tut, in luftpolsterfolie verpackt unter meinem bett verstecken

(1)

glitzer glitzer knusperhäuschen, wer glitzert, eskalieren, aber im text, glitzern, aber im text, dich töten, aber im text

(2)

ex lovers sliden mir in die dm, um mir zu schreiben, dass mein mango video großartig wäre usw. werde antworten, dass das mango video eine künstlerische interpretation unseres fickens wäre zb

(3)

das mit dem essen nicht hinbekommen usw.

(4)

willst du noch mit raufkommen, auf meinem bett liegen und zuhören, wie meine nachbarn MY HEART WILL GO ON in endlosschleife spielen

(5)

(verschlossen spielen)

(6)

sei der schnee auf meinem eis, so dass alle menschen ausrutschen und auf den arsch fallen. erde wird feuerball, alle sterben.

(7)

hallo hallo lassen Sie mich durchklicken, ich bin Schriftstellerin auf RECHERCHE!!!

HALLO HALLO PERMAFROSTTRÄUME

(8)

sry, hab grad keine lust auf ficken, muss mit dem bot spielen

wie ich über dich liebe usw.

(1)

wie ich dich in meiner stimme, zerfließend / zerfleischend, du fragst mich nach dem unterschied, ich will aber nicht

(2)

in wien brauch ich weniger schlaf, hab aber intensive träume, in denen ich in meiner alten schule bin, 1 roadtrip nach slowenien mache, sachen sage, wie, schreib mal so einen text, damit ich dich ernst nehmen kann, und dann wache ich auf, ohne einen übergang

(3)

(schwärzen)

(4)

gedanken an dich in harten farben versenken. nur mehr jeden 16. tag in träumen aufwachen, in denen du hinter mir stehst,

oder ich träume, ich hab deinen namen vergessen und nach dem aufwachen denke ich 30 minuten darüber nach, wie du heißt, aber da ist nichts. du hast deinen arm um mich gelegt, ohne namen und in meinem kopf war das foto von uns vom vorjahr, da hättest du noch jemand sein können, den ich erfunden habe, ich weiß schon, worin ich dich erinnere

(5)

die gedanken sind ja längst nicht mehr sicher, vor uns, sie sind vielleicht aus lavendel, ja, und schmecken nach gefrorenen himbeeren, aber sie sind nicht mehr sicher vor uns. oder wenn sie hinter uns liegen werden, wirst du dich dann dafür entscheiden, dich umzudrehen, weil ich denke ich werde mit kreide deinen blick aufmalen auf mich, wenn (& es wird in violett untergetaucht sein, was in unserem kopf nicht sein kann)

(6)

was bleibt [“ich weiß ja nicht einmal, wie du deinen Kaffee trinkst, vertrau mir doch nicht”]

(7)

mir war so nach deiner abwesenheit, fast hätte ich dich gebeten, zu mir zu kommen

 (8)

meine erinnerungen an dich in anderen menschen suchen usw., immer wenn ich vergessen habe, wie deine stimme klingt, treffe ich dich zufällig in der stadt

aber heute bin nur ich wach

(1)

du schreibst, du kannst in den nächten nicht schlafen, du schreibst, in allen!, aber heute bin nur ich wach zwischen atmen und dem mondlicht, graublauer himmel, deine stimme im ohr, sachen die weh tun könnten weil.

(2)

ich träume zb dass du mich umarmst (oder ich dich?), dann wache ich auf und denke, viel zu intensiv. das war jetzt zu viel. dann heute. (auch kann ich nicht vergessen, wie du dich in die sonne gestellt hast, das nicht)

(3)

(welche farben schreiben für mich hat)

(4)

bitte sag mir, wenn du wirklich wirklich gehst, damit ich die luft anhalten und untertauchen kann zwischen anderen seiten, solange bis ich vergessen habe, dass du das wirklich genau so wolltest

(5)

chlor gegen das fehlen;

(6)

in mir ist alles so weich wie schaumgummi und mein körper ist so weich und alles ist verbogen und ich hab keine kraft, weil alles so weich und leicht ist, ich glaub, ich bin aus stoff, ich bin 1 puppe

(7)

(ghosting)

(8)

dieses durch mich schauen, so als wäre ich ein glas ohne fenster, als wäre ich eben nicht, kein rahmen, nur splitter, unsichtbar und wenn du über mich drüber gehst und es knirscht, denkst du, da war doch irgendwas, aber ich soll mir keinen kopf machen, wegen dem gegenteil von sein, aufhören, zu fühlen, vor jahren, da war ich, möchte ich sagen, da wusste ich nicht, was es wirklich bedeutet, ein geist zu werden, jetzt habe ich zeitstempel als beweise, wann ich aufgehört habe, zu existieren

die müdigkeit war sehr verführerisch

(1)

die splitter unter deiner haut, meine ausgestreckte hand und die fehlenden schuhbänder, und jetzt sagst du, ich will, dass es reicht (du hast noch immer alles ohne betäubungsmittel geschafft, auch mich, dann die brücke, aber wie schrei ich um hilfe unter wasser)

(2)

liste der dinge, die mich beruhigen:
nr 106 fotos von fenstern, die zugemauert und kaputt sind

(3)

wir gehen kaputt durch die welt, wenn wir schatten finden, bleiben wir stehen, wenn sich unsere blicke treffen, geht die welt kaputt

(4)

manchmal ist es mehr und dann ist es nichts

(5)

ich will alles aufheben, es soll nichts bleiben, oder mich in einer träne einsperren wie in so 1 schneekugel

(6)

das gesicht verlieren

(7)

ich werde sagen können, damals. also damals in ÖSTERREICH. da hab ich grad ganz viele selfies von meinem gesicht gemacht (weil ich mir so FREMD war). das hab ich getan, als das damals gekommen ist, werde ich sagen. und, ich war so müde ständig. man muss das auch verstehen, dass. werde ich sagen.

die müdigkeit war sehr verführerisch, man fängt an zu glauben, man könnte sich vielleicht kurz hinlegen, nur ein bisschen rasten. nur kurz mal die augen vor allem schließen, weil das hinschauen so anstrengend ist. aber dann wacht man nicht mehr.

aber man hatte das ja nicht gewollt, man war nicht einverstanden gewesen. es war zuviel und es war einfacher mit geschlossenen augen. es war soviel einfacher, nicht zu sehen

Papierboote falten

(1)

manchmal erschrecke ich, dann sage ich mir, es ist alles gut, Menschen sind nur Gespenster, sie tauchen auf und verschwinden wieder, einfach so, weil du ihnen nichts bedeutet, sie erschüttern dich und verschwinden, ich verblasse

(2)

Ist das 1 Literatur oder 1 Sonnenlicht?

(3)

Ich mag zb Gefühle für dich, weil wir uns so nah sind, näher als möglich, ich habe noch viele schöne Wörter, ich schütte sie in eine Badewanne, ich bastle Boote aus Papier und lasse sie schwimmen, du zeichnest eine Sonne für mich

(4)

Ich bin in 1 rosa Flauschwolle gewickelt, die Füße in Eiscreme getaucht (Vanilla), ich niese und denke an Porzellanblumen und an Skorpione und daran, wie deine Hand (ich weine nicht, ich stimme nur)

(5)

In Lichtern Falltüren erkennen usw.

(6)

Du zeichnest mir ein Herz und sagst, schlage, ich schreibe dir, den Takt, ich schreibe dir Symbolbilder, ich schreibe über Mangos, du zeichnest mir einen Obstkorb, ich will, dass es aufhört zu regnen, ich lasse die Wörter aus, sie verstopfen den Abfluss, ich weine, wir gehen aus

1 memory spiel oder 1 blume, keine gegenwart zb

(I)

wenn, sehe ich uns in weiß getaucht, 1 angabe oder 1 schuld zb was wir unseren lieben servieren, essen oder absichten zb pragmatische Entscheidungen haben wir in der schule gelernt, 1 ausgang oder 1 bilanz zb ich kann sagen, es ist gut so, 1 sprachnachricht, 1 ablenkung, 1 lüge zb

dass es in meinen ohren surrt, ein ungleichgewicht zb dass es in dich kippt, eine müllhalde oder ein vulkan zb dass wir uns gegenüber stehen und nur ein sieb oder eine farbe erkennen zb

(II)

was mir fehlt zb 1 anfang und 2 socken, die sich mögen

(III)

etwas gegen dich lehnen, 1 regal oder mich selbst zb ob du umfällst oder mich umfängst, 1 rahmen oder 1 sturz zb weil es schüttet, 1 tatsache oder 1 ausruf zb wenn wir nass werden, will ich, dass wir aus sand sind, oder zucker zb

dass mir der linke fuß eingeschlafen ist, ein symptom zb dass du mich verschlungen hast als krokodil oder als wal zb dass am morgen etwas meine augen verklebt, fruchtfleisch oder speiseeis zb

(IV)

wenn ich uns denke, dann ohne unsere leben, zuckerwatte, die sich im wasser auflöst zb

(V)

dass du von salzwasser erzählst, kristalle oder 1 zug nehmen zb dass du bedingungslos bist, für meine fehler oder fotos zb dass sich unsere gedanken nicht mehr unterscheiden, 1 memory spiel oder 1 blume, keine gegenwart zb

an dich denken zb dass es mir lieb wäre, du legst mich offen, als karte oder als gedanke, 1 abheben, zwei, drei, vier, x male wunden usw.

(VI)

wir befinden uns an 1 neuen ORT, 1 warnung oder 1 warmer kakao zb du schreibst, du kannst dich nicht erinnern, dass du geschrieben hast, liebe oder entscheidungen zb wir befinden uns an 1 alten ort, 1 wiederholung oder 1 klischee zb ich will dich wieder (holen und wiederholen)

ich will das auflösen, 1 katze oder 1 faden zb die definition davon, was 1 hügel ist, 1 illusion oder 1 abschied zb etwas verschiebt sich immer, 1 hand oder 1 vorhang zb ich will mir dich vorstellen oder vor stellen, vor 1 glas oder 1 schuhregal zb

(VII)

der ekel vor mir selbst trägt heute grün zb

dich anrufen, damit mich deine stimme beruhigt; was ich dir zumute zb

(VIII)

die abstände zb sich dreimal hinlegen, weiter, alles ausweißeln, ausweißeln, weiter, die roten stellen weiter, sich fünfmal drehen zb die wörter heizen nicht mehr

wir können immer so weiter gehen machen schreiben zb liebe klein, damit sie nicht weh tut, 1 welle, die uns nie trifft, trocken über die tastatur schweben

(IX)

was es bedeutet zb die stillen träume oder getränke, 1 warnung, ein aufeinander zu gehen, wir 2 türen ohne raum

die ungelesenen texte, du schreibst 27 zb

(X)

alles was ich schreibe ist schaumstoff und saugt flüssigkeiten auf zb

Gespenster:bezüge

Aus jedem Textbezug kann ich ein Gespenst basteln, wenn ich das wirklich, wirklich will. Abhängig davon, wie mein Blick fällt, spukt es oder nicht. Das ist vielleicht, diese Entscheidung, was als Spielraum möglich scheint, aber es ändert nichts, an dem was ist, nichts, an dem, was darin stehen könnte. Was bleibt, ist ein Unbehagen.

Das Unbehagen richtet sich an das Unheimliche der Bezüge, deren Entstehung im Dunkeln liegen. Es ist kein Geheimnis zwischen uns, sondern eines der Texte. Eine Qualle am Strand verliert ihre Form, die Texte haben sie schon verloren, auch wenn sie in die Produktion getaucht, nach außen, noch als Romane oÄ erscheinen (worüber wir lachen).

Das Unbehagen richtet sich an die Gewalt der Bezüge, welche die Texte übersteigen, sich in meinen Körper einschreiben wollen. Ich will nichts vom SCHICKSAL hören, dass durch sie duchzurauschen scheint. Ich will mich dem nicht ausliefern müssen, sondern verstehen, darauf antworten vielleicht: mit meiner eigenen Abwesenheit.

[Jedes Beispiel für ein Gespenst kann nur ein Fehlen sein – wie soll ich Gespenster konkret benennen, ich habe ja keine Beweise für sie; es würde nur dazu führen, dass meine Vorstellungskraft belächelt würde: Du bildest dir das nur ein, da ist ja nichts, das ist nur dein Gefühl. Mein Gefühl ist ein Gespenst, es trügt.]

Aus jedem Gespenst kann ich einen Textbezug basteln, wenn ich das wirklich, wirklich will. Abhängig davon, wie dein Blick fällt, wird es dich verfolgen oder nicht. Das ist vielleicht, diese Entscheidung, was als Spielraum möglich scheint, aber es ändert nichts, an dem was ist, nichts, an dem, was darin stehen könnte. Was bleibt, ist nicht.

draußen 1 gespenst

das mit den anrufen, versprich mir, helenas hand war klebrig und feucht auf ihrer, die Umarmung zu lange; sie hatte die Karte mit der Telefonnumer in ihre Nachttischublade gelegt, unter die Schlaftabletten.

das ist doch grausam, hatte ihre Schwester gerufen, aber es war das falsche Wort; sie liebte sie dafür, sie hatte das Wasser in der Dusche aufgedreht und ins Waschbecken gekotzt.

das es nicht greifbar wäre, Melanies zögernde Stimme in ihrem Ohr, wohinter sie Konkretes vermutete; sie hatte dann einen Stift genommen, um Löcher in ihre Vagheit zu schreiben:

was ich über das Verschwommene festhalten will: Es gab da diesen Zeitungsbericht, den ich aufgehoben habe, von einer jungen Frau, die in den 1990er Jahren versuchte, alle öffentlichen Spiegelflächen in ihrer Stadt zu zerschlagen, weil daraus der Nebel und die Stimmen kamen. Eine psychisch verwirrte 23-Jährige. Jedes Mal, wenn ich den kurzen Zeitungsbericht über ihre Festnahme lese, muss ich weinen.

(auf der nächsten Seite, in einer anderen Farbe (rot) quer über das Blatt geschrieben):

WELCHE NAMEN TRAGEN LÖCHER?

Literatur & lass uns nur ein Spiel spielen

Ein Vergleich, den ich für den Literaturbetrieb in den letzten Jahren zu oft gehört habe, als Antwort darauf, dass ich “emotional zu involviert” wäre: Du musst das mehr wie ein Spiel sehen, Julia. Du darfst das nicht so ernst nehmen, du musst das lockerer sehen.

Unabhängig davon, ob ich jetzt den Literaturbetrieb als ein Spiel betrachten soll oder mein Leben als ein Spiel betrachten soll, der Vergleich kann nur von jemanden aufgestellt worden sein, der so privilegiert ist, dass ihn dieses „Spiel“ noch nie existenziell bedroht hat. Also von jemanden, der gewohnt ist, im Spiel zu gewinnen. 

Natürlich verstehe ich, woher dieser Spielvergleich kommt, gerade in Bezug auf den Literaturbetrieb. Ob jemand ein Stipendium bekommt oder nicht, in einer Literaturzeitschrift gedruckt wird oder nicht, mit einem Preis ausgezeichnet wird oder nicht – das alles wirkt so undurchsichtig, dass es uns wie ein Glücksspiel vorkommen kann.

Natürlich ergeben sich auch einige Vorteile daraus, wenn wir das alles wie ein Spiel betrachten: Wir und die anderen Autor*innen usw. sind dann nicht mehr als Spielfiguren. Auf diese muss ich dann wenig bis keine Rücksicht nehmen, schließlich ist es nur ein Spiel, das nichts mit uns als Menschen zu tun hat. Wenn du also wegen des Spiels verletzt bist, dann liegt das ausschließlich daran, dass du die Spielregeln nicht verstanden hast. Du musst das einfach lockerer nehmen.

Aber gleich wie die Rede vom Glück macht auch die Rede vom Spiel vor allem eines: Machtverhältnisse verschleiern, Privilegien ausblenden. Es ist einfach, alles locker zu nehmen, solange man sich alles locker nehmen kann. Solange wir mitspielen und so tun, als wäre alles Glück und Zufall und ein Spiel können wir nicht ernsthaft anfangen, uns mit den Problemen im Literaturbetrieb auseinanderzusetzen. Solange können wir nicht Verantwortung für unsere eigene Position übernehmen.

von hier sein

Was sind 40 Kühe auf fünf Hektar und wie muss man das Nutztier heute wieder vorm bösen Wolf schützen, der aus dem Wald kommt, der durch den Wald streift, und was heißt das, dass ich davon keine Ahnung habe, dass ich mir nichts gemerkt habe, dass mich das alles nicht interessiert, dass ich keine Kühe und keine Pilze auseinanderhalten kann und keine Bäume und keine Blumen und dass ich die Sprache meiner Eltern nicht spreche; dass ich keine Volkslieder auswendig singen und keine Vulgonamen zuordnen kann; dass ich niemand kenne, in unserer Gegend, und keine Gasthäuser, dass ich keinen Buschenschank empfehlen kann. Dass ich, wenn mich jemand fragt, ob ich die Aussichtswarte kenne oder den Wanderweg, dass ich da nur vage nicke und immer sage, „ja, es sagt mir was, vom Namen her“, obwohl es mir vom Namen her nichts sagt und dann darauf hoffe, dass das ausreichend ist, dass eben nicht näher nachgehakt wird, dass es reicht, wenn ich zustimme, wenn die Menschen sagen, dass es „so eine schöne Gegend“ sei, von der ich komme, mit den Hügeln, den Wäldern, den Weingärten, „so eine schöne Gegend, so eine gute Luft“ oder dass ich, wenn mich jemand nach dem Weg fragt, nur sagen kann, „es tut mir leid, ich bin nicht von hier“, und dann denke, das ist keine Lüge, ich kann doch nicht von hier sein, von hier kommen, wenn mir das hier immer schon fremd war und auch fremd geblieben ist, wenn ich keine Namen, keine Orte kenne, wenn ich doch die Sprache nicht spreche.

Sie haben sich ja bemüht, um mich, mein Großvater ist mit mir wandern gegangen, durch die Wälder, über die Hügel, und ich könnte die Namen hinschreiben, aber ich müsste jeden einzelnen googlen, bei jedem Marterl sind wir stehen geblieben und er hat Fotos gemacht, von mir, von den Marterln, von mir vor den Marterln und auf seinem Wanderstecken aus Holz da waren ganz viele Wappen montiert, von den Orten, zu denen er schon hingegangen ist, bei irgendeinem Buschenschank sind wir dann immer stehengeblieben, eingekehrt, er war ja ortsbekannt, der Herr Inspektor, es gibt da diese lustige Geschichte, dass als ich auf die Welt gekommen bin, der Herr Inspektor grad auf Russlandreise war und er am Telefon zuerst gefragt hat, wie es der Katze geht und dann erst nach meiner Mutter und mir.

Ich in Fotoalben, auf VHS-Kassetten, kaum noch abspielbar, da die Hochzeit meiner Eltern, ich im eisrosa Kleidchen, da das Faschingsfest, ich als Clown, da ein Ausflug, Schwammerl suchen, ich im Wald, ich kann Geschichten zu den Bildern, aber ich erinnere mich nicht wirklich, ich sortiere Kleidung, Zeug in den Kästen, den Schubladen um und aus, räume das Zimmer der Großeltern aus, für mich, weil es dann mein Zimmer wird, die Großeltern sind nicht tot, sie schlafen in ihren Pflegebetten, ich kann sie mir nicht mehr anders vorstellen, ich kann aber Geschichten mit ihnen erzählen, wie sie mit mir Karten gespielt haben als Kind, wie ich schnapsen von ihnen gelernt habe, wie wir abends in der Küche gesessen sind und gespielt haben und ich von ihnen gelernt habe, zu sagen, „ich habe lauter Juden“, wenn ich ein schlechtes Blatt hatte, oder ich kann die Geschichte erzählen, dass ja „nicht alles schlecht war unterm Hitler“, ich kann die Geschichte erzählen, von dem Lied mit den morschen Knochen, ich kann diese Geschichten erzählen, die wir alle erzählen können. Die Geschichten haben sich nicht verändert, sie werden nur gern übersehen, sie werden nur gern verschwiegen. Wenn Freunde ihr Kind nicht taufen lassen und sie gefragt werden, ob sie dann nicht Angst hätten, dass das Kind ein Jude wird, dass so ein nicht-getauftes Kind ja arm ist, dann haben sich die Geschichten nicht verändert, dann hat sich nichts verändert in diesem Land, auch wenn immer alle gern so tun, als ob, auch wenn immer alle gern schockiert sind, wenn wieder mal was passiert, ist ja nur ein einzelner Fall, ein Einzelfall, weil das ja alles schon so lang vorbei wäre, aber es war nie vorbei.

Ich soll mich mal nicht so anstellen, nicht immer alles hinterfragen, sagen sie mir, sagen mir die Freunde, die Familie, sagt mir Österreich, ich soll mir lieber eine anständige Arbeit suchen, ich soll mir lieber einen anständigen Mann suchen, ich soll lieber endlich an Kinder denken, an anständige Kinder, an einen Erben, was soll aus deiner perfekten Gebärmutter, was soll aus dir werden, wenn sie nicht benutzt wird, und ans Haus bauen, alles fürs Volk, alles fürs Land. Ich soll mal aufhören mit meinem Herkunftskomplex, sagt die Freundin aus dem Ausland, ihr Österreicher mit eurem Österreich immer, ist das euer einziges Thema, da muss man doch mal drüber hinwegkommen, Lisa, übers Land, darüber hinauskommen. Aber es gibt kein Hinwegkommen, es gibt kein Hinauskommen aus Österreich, aus dieser Geschichte, da gibt es kein Entkommen, es ist immer dasselbe ersticken, in Österreich aufwachsen, die Erwartungen der Familie, und wir Töchter, die mit über 30 weder Karriere haben noch Familie, die nichts haben, außer unserer Verweigerung, außer dem nicht so sein, wie dieses Land es von uns will und die Wörter, die Verzweiflung, das Ersticken an den Tannennadeln, am Hass, am Wald, am Rassismus, an den Bergen, an der Gewalt, am Glauben an das Volk, am Antisemitismus, an Österreich, dem Abgrund, wir können noch immer nichts anderes erzählen, als vor 100 Jahren oder vor 50 Jahren, obwohl wir es so gerne möchten, weil es ist ja immer noch dieselbe Geschichte.

Mein Bett stelle ich dort hin, wo früher der Schrank gestanden ist, in dem mein Opa sein Gewehr und seine Uniformen aufbewahrt hatte, mit den ganzen Orden, in dem das Hochzeitskleid meiner Oma hing und ihre selbstgenähten Röcke, Kleider, Nachthemden, als ich das Zimmer ausgeräumt habe, hat es mich so vor den alten Gebissen, den gebrauchten Stofftaschentüchern und halb gelutschten Hustenzuckerln in den Nachttischen geekelt, die dritten Zähne mit Haftcreme beschmieren und den Großeltern einsetzen war nie ein Problem, Windeln wechseln war nie ein Problem, scheiße vom Arsch wischen war nie ein Problem, aber alte, unechte Zähne, da hat es mich dann auf einmal gewürgt, bei den Geweihen, bei den Bildern vom Wald, beim Wald im Haus, da hat es mich auf einmal gehabt, was man sich alles aufhängen kann, den Jungbäuerinnenkalender, die Bilder der Enkel, die Geweihe, die Axt, das Gewehr ist Zierde, ist ein Gemälde, ist nur ein Bild, das Gewehr an der Wand im Wald, ich wildere in Erinnerungsräumen, sehe nichts, mir fehlt der Blick, ich will von nichts wissen, aber mir tut längst alles weh, die blauen Flecken am Körper, aber die Ursache dazu nicht sehen, was man sich alles in den Schrank stellen kann, was man sich alles aufhängen kann, woran man sich alles aufhängen, wie man sich einrichten kann, worin man sich einrichten, einen Stammbaum mit den richtigen Ahnen, Ehrenurkunden vom Kameradschaftsabend, das Kreuz, das Bild mit den Schutzengeln, was man sich alles, sie haben alles aufgehangen, ich hab alles abgehangen, was die Großeltern aufgehangen hatten, aber dadurch wird nichts richtiger, der Raum bleibt, der Raum bleibt der kühlste Raum im ganzen Haus, ständig friert es mich, vielleicht liegt es am Raum, vielleicht liegt es am Schweigen in den Schubladen und alle Fragen ein Raum ohne Antworten, in dem ich es mir einrichte, geschichtslos, gesichtslos, was bleibt, sind die Stimmen, die fehlen