Vergessene Orte

Vergessene Orte.
Kurzprosa. 4 Seiten (A4).
Printed by Risograd, Graz. 2019.

VERGESSENE ORTE

„auf uns, hatte man ja vergessen, abgelegt, unser tal, keine ordentlichen straßen, hin, auf uns, da hat keiner geschaut, war allen egal, was mit uns passiert, wir waren ja nicht wichtig, früher, nichts haben wir gehabt, das können sie sich jetzt gar nicht mehr vorstellen, da bleibt die jugend dann nicht, wenn es keine arbeit gibt, auf uns, haben sie vergessen, und dann ist er gekommen, da hat sich dann was geändert, da wurde dann endlich was für uns getan, da hatten wir dann jemand, ihn, der auch auf uns gedacht hat, das darf man nicht vergessen, das muss man auch verstehen, dass das nicht alles so einfach war. so wie sie ihn jetzt schlecht reden, dass stimmt ja so alles nicht, das muss man doch auch sehen, dass er jemand war, der auf uns gedacht hat, das darf man wirklich nicht vergessen, das nicht“, aber sonst, ja, sonst soll man die vergangenheit ruhen lassen, so sagen sie alle, nicht nur diese talbewohnerin, die sich mit ihrer wehklage an das dirndl in dieser geschichte wendet, also an unser dirndl. sie sagt ihm auch, unser dirndl sei noch viel zu jung, um das zu verstehen, die ganze geschichte. aber nicht nur die talbewohnerin, nein, wirklich alle in diesem land sagen, dass man das jetzt endlich alles vergessen solle. wollen selbst nicht vergessen werden, aber die vergangenheit, die soll man doch bitte in frieden ruhen lassen, nicht? die hat doch schon genug mitgemacht, die muss man doch jetzt nicht immer und immer wieder ausgraben. über die haben wir nicht nur den mantel des schweigens geworfen, die wurde auch darunter erstickt. aber wo, wo ruht sie denn, die vergangenheit, die wir ermordet haben? wo ruht sie, die vergangenheit, die wir bis zur unkenntlichkeit zerstückelt haben? ja, wo haben wir sie denn, begraben? wo haben wir sie denn, verscharrt? damit sie ja niemand mehr finden, damit sie niemals mehr ausgegraben werden kann. wo? wo? wo? wir wissen es doch eigentlich alle ganz genau, wo, alle wissen wir es ganz genau, weil wir jeden tag darüber gehen, jeden tag von neuem über die leiche. aber wir versuchen, das zu vergessen, den gestank, die fäulnis auszublenden, versuchen, uns genau so zu vergessen, so wie die orte vergessen sind, die orte, die wir unsere herkunft, unsere heimat, unsere ursache nennen müssen.

„WO HAT ES DICH HINVERSCHLAGEN?“

schreibt der thomas dem dirndl und es antwortet: „it’s kind of a funny story“, obwohl es das nicht ist, und „in deine heimat“, obwohl sie das für ihn ja doch nicht ist. es ist jetzt dort, wo man noch immer mit stolz darüber singt, wie man damals mit blut die grenze schrieb und er glaubt dem dirndl zuerst nicht, wirklich, weil er es dann doch so gut kennt und weiß, dass das nicht so vorgesehen war, nicht der plan vom dirndl: seine heimat. „was machst denn in kärnten? was machst du denn?“ und es erzählt ihm, dass es nicht so einfach war, einen fixen job zu finden, nach dem studium, und dass es weg wollte, aus graz, und dass es sich überall beworben hätte, und so wäre es hier gelandet, 80 kilometer von graz, im lavanttal, dem paradies kärntens. und es erzählt ihm das, weil es die geschichte ist, die es sich dazu gesponnen hat, weil das genau so sein muss, nicht? und er stellt das nicht in frage, weil er es auch dazu zu gut kennt. und es ist froh, dass er nicht fragt, ob es der liebe wegen umgezogen sei, so wie die menschen hier. bei jedem „ach, der liebe wegen?“ zuckt das dirndl. weil sich niemand hier vorstellen kann, dass man einfach so nach wolfsberg zieht, weil sonst fliehen doch die meisten jungen fräuleins von hier über die autobahnbrücken, des tales wegen.

später oder früher müssen wir darüber reden, warum das dirndl ihm wieder geschrieben hat und über das verhältnis der beiden, zueinander, von dem die leute in seiner heimat, in der es nun arbeitet und lebt, sagen würde, „das ist ja nicht mal ein verhältnis, was ihr da habt’s, da schreib ich dir ja öfter als ihr euch.“das man aber von außen betrachtet genauso wenig beschreiben kann als sie es von innen betrachtet könnten. tatsächlich ist es so, dass es wieder und hin an ihn gedacht hat, und dass es dann natürlich wissen wollte, ob er das auch noch tut, an es denken, und das weiß es nun, weil er dem dirndl nicht nur geantwortet hat, nein, er hat ihm sofort geantwortet und er hat es auch sofort gefragt, ob sie sich wieder sehen könnten, weil er zufällig bald in seine heimat fahren würde. das weiß es nun also, und es freut das dirndl, deswegen räumt es seine wohnung auf, und kauft sich neue unterwäsche, schwarz, weil es sich am liebsten in schwarz ausziehen lässt, und neue bettwäsche, und es versucht, die spinnweben und die weberknechte zu entfernen, aus seinen räumen, weil die sich ausbreiten, alles einnehmen, sobald es mal nicht hinschaut, für zwei sekunden. sonst versucht es nicht einmal mehr, dagegen anzukommen, gegen die klebrig gespannten fäden, gegen den staub, gegen den dreck.

WIR MÜSSEN

die Lambdasonde austauschen, erklärt der mechaniker dem dirndl. um die 300 euro würde das kosten und dass das typisch wäre für dieses automodell. dass sich das die marder gerne aussuchen würden, dieses kabel, weil das so schön frei liegen würde bei dem auto. und leider, ja leider müsse man da die ganze sonde austauschen, das gehe nicht anders, weil das kabel könne man nicht gesondert bestellen. was es da dagegen machen könne in zukunft, fragt das dirndl. weil das auto würde ständig im freien stehen. dem dirndl ist das auto tatsächlich nicht so wichtig, obwohl sein auto der einzige ort ist, indem es weint. sonst hat es sich verboten, tränen zu vergießen, aber immer wenn es von wolfsberg über die pack in die steiermark fährt, in den tunneln, wo es keiner außer uns sehen kann, da heult es dann doch, nicht? was es also da dagegen machen könne, dass das nicht noch einmal geschieht, fragt unser dirndl. „bringen sie den marder um“, bekommt es als antwort, und es spart sich, darauf zu sagen, dass das nichts bringen würde, weil es nicht nur einen marder in kärnten gibt, sondern unzählige. später erzählt es thomas von der autowerkstatt und dass ein kunde es für die neue sekretärin dort gehalten habe, es „fräulein sekretärin“, es „dirndl“. und dass es morgen nochmal hinfahren müsse, weil die werkstatt da erst das ersatzteil habe und ob er schon weiß, wann er morgen ankommen werde, weil. es hoffe, dass bis dahin das auto schon fertig sein werde. er antwortet eine zeit und dass er sich freut und dass er sich alte fotos vom dirndl ansehe, die es ihm letztes jahr geschickt habe. hinter dem zwinkernden emoji, den unser dirndl ihm als antwort sendet, versteckt es die frage, wo er die bilder gespeichert hat. ob da ein ordner vom dirndl in seiner cloud liegt. wir können uns schon fragen, wie naiv es eigentlich ist, unser dirndl, wenn es männern fotos schickt, die es nicht veröffentlicht haben möchte. wir können nicht einmal sagen, dass dirndl wisse es halt nicht besser, denn das weiß sogar unser dirndl, dass man das nicht tun darf. aber was soll man da schon noch sagen, außer, dass das dirndl wohl einen leicht selbstzerstörerischen zug hat, in sich trägt, das liebe mäderl, dem sieht man seine verdorbenheit gar nicht an, aber lassen sie sich da ja nicht von seiner süßen hülle täuschen.

HIER BLEIBT NICHTS

unbeobachtet. als er mit seinem wagen die auffahrt hochfährt, kann unser dirndl beobachten, wie sich die vorhänge der nachbarin bewegen, gleich wie sich die vorhänge bewegen, wenn es in der früh zur arbeit fährt, wenn es am abend von der arbeit nach hause kommt, wenn es im winter schnee schaufelt, wenn es zum laufen das haus verlässt, „wenn ich das gewusst hätte, fräulein, dass sie auch denselben weg haben, hätt ich sie mitgenommen“. keinen schritt kann es hier setzen, ohne dass es jemand weiß. für unser dirndl geht es ja noch, es ist ja nur aus einem fremden bundesland gekommen, es wird nur mit blicken beobachtet, nur gefräuleint, nicht? das wird es wohl aushalten, unser dirndl. anders ist es, wenn man von einem fremden land kommt, dann bleibt kein schritt undokumentiert, mit fotos, mit videos, mit postings im internet, „haben’s schon gehört, jetzt war schon wieder die rettung bei der unterkunft“, „haben’s das gesehen, jetzt war schon wieder die polizei bei der unterkunft“, „haben’s das gehört, die sollen junge frauen angegriffen haben“, das sind ja alles kriminelle, die sie da ins land gelassen haben, die sollten besser in ihren heimatländern im osten bleiben, wo genug platz ist, aber das versteht das linke gesindel in wien ja nicht, dass man da ja was dagegen tun muss, als guter bürger, als österreicher. die passen nicht in unsere kulturlandschaft, die flüchtlinge. und, die wölfe, die passen nicht in unsere kulturlandschaft. da muss man ja was tun, als guter jäger, als österreicher. aber das verstehen die gutmenschen in wien ja nicht, dass man da ja was dagegen tun muss, das sind ja wilde raubtiere, die sie da ins land gelassen haben, die sollten besser in ihren heimatländern im osten bleiben, wo sie genügend platz haben, „haben’s das gehört, die sollen junge kälber auf der alm angegriffen haben“, „haben’s das gelesen, jetzt war schon wieder ein wolfsriss auf der koralm“, „haben’s das gehört, da hat gestern jemand einen wolf gesehen“. wenn man von einem fremden land kommt, dann bleibt kein schritt unbeobachtet, nichts bleibt hier, nicht? auch thomas ist nicht geblieben, er hat es nicht ausgehalten, deswegen ist er nach wien gegangen. und das erste, was er zu unserem dirndl sagt, ist auch

„DU GEHÖRST HIER NICHT HIN, LISA“,

während es ihn begrüßt mit „willkommen im lavanttal, der psychiatrie kärntens“. das ist natürlich kein sehr subtiler, kein sehr origineller spruch vom dirndl, nicht? aber wie subtil, wie originell muss man tatsächlich sein, wenn doch die menschen hier natürlich von den brücken fallen wie die fliegen, des tales wegen, immer des tales wegen, nicht? nur darf darüber nicht gesprochen werden, nein, darüber nicht. zu grabe getragen werden hier keine menschen, grabreden werden hier nur auf die orte im tal gehalten, auf die ortskerne, die betrauert werden, weil sie leer stehen. die versucht die politik, mit allen kräften wieder zu beleben. ortskernwiederbelebung, während die menschen totenoffizien durch die verfallenden orte abhalten, „ruhe in frieden, wolfsberg“. man kann auch schon riechen, wie die stadt verfault, wie alles bröckelt hinter den fassaden. die bewohner sind wie bakterien, die den prozess vorantreiben, sind die fäule, die sich in den leerständen ausbreitet. leerstandsmanagement wird betrieben, aber die menschen wollen keine begegnungszonen in den innenstädten, weil sie wollen sich nicht begegnen, die menschen wollen mehr parkplätze, mehr, mehr, mehr. und man hofft ja, dass alles besser wird, sobald es den tunnel gibt, sobald es den koralmtunnel gibt, aber der bohrer bleibt immer wieder stecken, nicht? weil was gott getrennt hat, das soll der mensch nicht vereinen, so heißt es doch, nicht? aber da wird gebohrt und gegraben, und abgegraben und gebohrt, nach modernen kristallen, unter dem berg. auf dem berg markieren die windräder die landesgrenzen. ruhe für das tote land gibt es nur im winter, wenn es schneit. 

SCHNEE HAT SEINE VORTEILE,

der deckt alles so schön ab, dem würde thomas auch zustimmen, aber unser dirndl ist sich da nicht so sicher, ob das tatsächlich so ist. weil irgendwann ist jeder schnee weg, nicht? und was dann? dann sieht man wieder klar, was man begraben wollte, nicht? vielleicht ist sie aber doch schon zu sehr ein fräulein vom lande geworden, nicht? während sie auf ihrer couch sitzen, versucht es ihm, in wiederholung, zu erzählen, warum es hier ist. und er beugt sich zum dirndl und küsst es, „um ihm die nervosität zu nehmen“, meint er. sie haben nicht darüber gesprochen, wie lange er bleiben kann, aber er hat seine tasche mit, und es hat lebensmittel für seinen kühlschrank gekauft, sogar milch, weil es weiß, dass er seinen kaffee mit milch trinkt. und später, als sie sich hin legen, schaut er einen film, während es einschläft. und am nächsten tag richtet es das frühstück am balkon, weil es warm genug ist, weil die sonne scheint. und es erzählt, dass es eigentlich sonst nie am balkon sitzt, wegen der nachbarn, weil es ihre ruhe will, und er versteht das nicht, dass es sich da so einengen lässt, aber er kann das auch nicht mehr verstehen, er ist ja nicht mehr da. und er fragt das dirndl, wie es das aushält, weil er könnte das nicht mehr. und es meint, naja, es ginge schon, es wäre schon manchmal, kaum zu ertragen, aber es lerne dafür viel, über die menschen. weil es hier halt nicht seine filterblase als schutz hätte. oder es sehe jetzt vieles, was es vorher zwar gehört hatte, aber nicht glauben konnte. ein bisserl naiv ist unser dirndl, nicht? das hat, bevor es herkam, nicht wirklich dran glauben können, dass die leute hier den haider wirklich so verehren, dass der wirklich noch immer so ein heiliger ist. dass da wirklich fast jeder eine geschichte erzählen kann, dass er mit dem haider bier getrunken hat, hier. weil die leute das gefühl haben, der hätte an sie gedacht und vorher hätten alle auf sie vergessen gehabt. dass war dem dirndl nicht so klar vor augen, erzählt es ihm jetzt. oder dieser kärntner abwehrkämpferbund und diese verachtung der menschen für das slowenische. dass das wirklich so tief gehe, dass hätte es vorher nicht so glauben können. es weiß schon, es müsste stärker sein, und es müsste viel stärker widersprechen, wenn hier leute sagen, dass homosexuelle nicht heiraten dürfen sollten, oder dass das „gestörte leute sind“ und dass man dafür nicht gebühren zahle, dass der orf so einen schwachsinn wie den life ball übertrage. oder wenn die leute witzeln, dass man jetzt nach #metoo ja nichts mehr sagen dürfe, und dann einen sexistischen schmäh nach dem anderen bringen. am anfang, ja, da hatte es noch, geredet, und erklärt, und geredet, und erklärt, als links-link wurde das dirndl deswegen bezeichnet. darüber hatte es dann auch noch gelacht, ja. aber seit es hier ist, verändert sich die sprache, schleichend, in wellen, kippt chronisch, vergessene wörter fluten vermehrt zurück in die köpfe. darin ertrinkenden gehirnen ist es wieder möglich, laut zu sagen, „meine wohnung will ich aber nur an inländer vermieten“, weil es ist ja auch möglich, laut zu sagen, dass man geflüchtete menschen konzentriert halten wolle, nicht? weil „dass ist ja schon so lange her, das hat ja nichts damit zu tun, da denkt doch keiner mehr dran, an diese zeit, das haben doch schon alle vergessen, da wird man gewisse wörter doch schon wieder sagen dürfen.“ deswegen darf auch wieder über achsenmächte gesprochen werden, im land, und geflüchtete menschen, die werden schon nach wie vor untergebracht, auch im tal, aber auch hier am liebsten weit weg, von den orstkernen, abgelegen, konzentriert. sind ja gut um die sinkenden bevölkerungszahlen aufzubessern, aber sichtbar wolle man sie nicht haben, vergessen wolle man, dass die da sind. unser dirndl hat längst damit aufgehört, den mund aufzumachen, wenn über geflüchtete menschen gesprochen wird wie über tiere, weil es zu mühsam ist, weil es ja doch nichts bringt, weil es dem dirndl schon lange nur mehr ums eigene überleben geht, mehr schafft es nicht mehr. weil die weberknechte haben längst auch schon klebrige fäden um seinen körper gespannt, der mund zugenäht im kreuzstich. weil es auch angst hat, wenn es versucht, den mund wieder aufzureißen, dass dann die ganzen spinnentiere, die es die letzten monate geschluckt hat, wie im schlaf, dass die dann aus ihm herauskrallen und sich seiner bemächtigen werden. manchmal, erzählt das dirndl dem thomas, wenn jemand redet und redet und redet, und sie die wörter kaum ertragen könne, weil jedes einzelne es träfe, weil jedes einzelne ihm das rückgrat breche, weil jedes doch vergessen bleiben sollte. dann stellt es sich vor, dass es anfangen würde, laut zu schreien und einfach wegzurennen. „manchmal hoffe ich, dass ich wirklich eines tages laut schreien und wegrennen werde“, sagt es dann. aber wir wissen alle, dass unser dirndl nicht laut genug schreien kann dafür. das dirndl ist einfach keine kämpferin, das dirndl will das alle es mögen, das dirndl ist schwach und ruhig und nett. das dirndl ist ja ein liebes mäderl, „das viel zu gut ist für die welt“. immer will es allen gefallen, unser dirndl, deswegen lässt es sich auch alles gefallen.

ER SCHAUT IN DIE SONNE,

während er unserem dirndl zuhört, und dann fragt er es: „was kann ich tun, damit du zu mir kommst?“ und dann korrigiert er sich und sagt: „ich meine lisa, weil es darum geht, was du willst: was können wir tun, damit du nach wien kommst?“ weil er weiß schon, dass das auch der plan vom dirndl ist: seine stadt, weil „du gehörst hier doch nicht hin“, weil „ich bin davon überzeugt, dass du alles schaffst“, weil „jede reise beginnt mit dem ersten schritt“. und er sagt auch, er würde helfen, mit dem umzug, und der wohnungssuche und wo er sonst halt kann. und wir wissen noch immer nicht viel über ihr verhältnis zueinander, aber wir wissen, dass er vorher zum dirndl gesagt hat, „wenn du in wien wärst, könnten wir jeden tag miteinander verbringen, meine liebe“, und wir wissen, dass das viel bedeutet. und unser dirndl stellt sich diese welt vor, in der es bei ihm ist, sieht sich mit ihm gemeinsam zur u-bahn rennen, und das dirndl muss lächeln, weil es so schön wäre. und zugleich wissen wir, weiß es, das wird nicht, geschehen, nur er weiß es in diesem moment nicht und er weiß auch noch nicht, dass er es vergessen wird, so wie er seine heimat vergessen will. unser dirndl wird so vergessen werden, wie diese orte hier es schon sind. es gehört hier vielleicht nicht hin, das hat er schon richtig erkannt, aber es gehört eben auch nicht in seine stadt, weil es eben nicht gehört und nicht gehört wird. 

AUCH SIE, GESCHÄTZTE LESENDE,

werden unser dirndl wieder vergessen, sie werden vergessen, dass sie je ihm wussten, und von diesem tal, sie werden vergessen, weil es ja „zum vergessen ist“ werden sie sich sagen, „es ist zum vergessen“. wieder und hin werden sie ans vergessen erinnert, weil es in österreich ja zum guten ton gehört, dass journalistinnen und autoren und journalisten und autorinnen in regelmäßigen abständen in die peripherie fahren, mit dem auftrag, sie wollen verstehen, mit dem auftrag, das müsse man zeigen, wie schlimm das alles noch immer sei, sonst könne man es ja nicht verändern. „so schlimm ist das, unfassbar ist das, wie das 2018 noch immer möglich sein kann“. demographische abwanderung, alkohol, rechtsruck, alkohol, hass auf ausländer, alkohol, leerstände, alkohol, volksfeste, und dann schreiben sie vielleicht eine reportage, nicht? über vergessene dörfer und städte, am besten über einen ort mit einem sehr, sehr rechten bürgermeister, einem nazi, nicht? oder über ein dorf, an dem es die meisten rechtswähler, also sehr viele nazis auf einem haufen, in österreich, dem naziland, gibt, nicht? dann erscheinen diese reportagen, anschaulich bebildert, in hochglanzmagazinen und die leute, die sich von den dörfern, also den nazihorten, entfernt haben, können das lesen und sich moralisch erhaben fühlen, über die ganzen nazis, und der journalist oder die journalistin bekommt einen hübschen preis dafür verliehen, für diese detailgetreue beschreibung der nazis, für diese authentische schilderung der nazis, weil da muss man ja mal ganz genau hinschauen, auf die nazis, nicht? genauso zum guten ton gehören romane, in denen man seine heimat, also das naziland, basht, in denen man ganz subtil keller, am besten nazikeller, einflechtet in die geschichte. und nazis, nazis, nazis, nazis und die katholische kirche, also die nazikirche, vergleicht. man muss BERNHARD IN A NUTSHELL sein, man muss die beste bernhard-imitation ever abliefern, in österreich, dem nazireich, man muss auf nazi-österreich herabsehen, man muss nazi-österreich verachten, und dann bekommt man auch dafür vielleicht einen feschen preis verliehen, am besten den GROSSEN nazi-österreichischen staatspreis, nicht? weil staatliche preise und förderungen nimmt man dann schon trotzdem an, ja, man sagt sich, man leistet ja was für österreich, das nazireich, und für die österreichische kultur, die nazikultur. man sagt sich, man trägt ja zur bildung der nazis bei, man trägt ja dazu bei, dass die leute, also die nazis, nicht aufs vergessen vergessen. man sei ein bildungsträger, und dadurch ändert sich vielleicht ja was, wenn man die bildung nur oft genug trägt, erträgt, solange bis sie. da hat die literatur dann plötzlich großen einfluss auf die wirklichkeit, wenn’s grad ins konzept passt, nicht? aber was die beschreibung von frauen und beziehungen angeht, na, da schreibt der österreichische autor dann doch lieber sexistisch und a bisserl übergriffig, weil wissen’s eh, alles andere, das wollen sie, verehrte leser, wollen die leute ja net lesen. und ist doch gut, ist doch gut, wenn’s da dann drüber lachen können, wenn man frauen wie dinge benutzt, ist ja nur ein text, ist ja nur ein text, das hat ja nichts mit der realität zu tun, das hat ja keinerlei, nicht die geringsten auswirkungen auf die wirklichkeit, nicht? und ein bisserl vom glücksspiel kann man sich schon auch sponsorn lassen als schriftsteller, nicht? man muss ja auch von irgendwas leben, nicht? 

WIR SOLLTEN NIE VERGESSEN,

dass wir für geld alles tun würden, ich, du, wir, jeder einzelne in diesem land. die vergessenen orte. wir sollten nie vergessen, dass wir für geld alles schreiben würden, ich, du, wir, jeder einzelne in diesem land. die vergessenen orte. wir sollten nie vergessen, aber vergessen ist das einzige, was wir gelernt, das einzige, was wir wollen.

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