die farben, die wörter-

Draußen ist es weiß. Es schneit Seiten. Die Seiten stürzen gegen die Fenster. Ich stelle mir vor, ich reiße, nein, ich öffne meine Fenster weit. Ich will das Glas durch das Papier brechen, ich denke ständig, an das Papier, wie es sich anfühlt, wenn ich darüber streiche, es hat sich so vertraut, nein, es hat sich so wirklich angefühlt, zwischen, nein, unter, nein, in meinen Fingern. „Weißt du, was geschieht, wenn du die Wörter mittig setzt?“, schreibst du, nein, schreibt er, und ich lache oder ich lächle und dann verstecke ich Umarmungen genau in der Mitte der Blätter, ja, und sehe zu, wie sie nach unten fallen, immer weiter, auf ihn, auf dich. „Versuch sie doch, zu fangen“, will ich ihm zuflüstern, aber er hört mich nicht. „Versuch sie doch“, will ich dir zurufen, aber du willst sie nicht, wirklich, auffangen, meine Wörter.

[…]

„Pass auf, dass du dich nicht verschneidest.“ Aber ich mache keine Fehler mehr, ich kann durch Menschen gehen wie eine Maschine. Ich weiß, wo wir ansetzen, meine Schnittmarken im Kopf, seine Schnittmarken im Körper, unsere Schnittmarken auf dem Papier. Ich weiß, wie viel weg muss, was man sehen soll und was nicht gesehen werden darf. Damit es perfekt aussieht. Schnitt für Schnitt unseren roten Linien entlang. Ich übe genügend Druck aus, um durch alle Seiten zu kommen. Das Überflüssige fällt. Bedeckt den Boden, sanft. Ich werde eingeschneit. Meine Hände schmerzen und färben sich rot.

Literaturbetrieb & Glück haben

„Man muss halt auch ein bisschen Glück haben.“ So oder so ähnlich hört man es oft von Autor*innen, die sich in welcher Form auch immer – Buchveröffentlichung, Preise usw. –bereits einen Namen im Literaturbetrieb gemacht haben. Ich glaube ihnen, dass sie das tatsächlich glauben, aber ich glaube nicht an ihr Glück.

Hinter diesem Glück steckt eigentlich Zeit und Geld. Um eine gewisse Sichtbarkeit zu erlangen muss man beides investieren können, unter anderem in die digitale und analoge Vernetzung mit anderen Autor*innen, in die eigenen Lesungen, in das Suchen von passenden Einreichungen für Preise und Zeitschriften, in das Einreichen selbst. Natürlich hilft es sehr, wenn man in der Lage ist, gute – wie auch immer das definiert sein mag – Texte zu schreiben. Aber um als Autor*in im Literaturbetrieb sichtbar zu werden, und zu erreichen, dass die eigenen Texte gelesen werden, dafür reichen gute Texte alleine nicht aus.

Diese Zeit in den eigenen Namen – die muss man nicht nur investieren wollen, die muss man auch investieren können. Dabei begünstigt der Literaturbetrieb vor allem Menschen, die beispielsweise keine Betreuungspflichten haben, sich in der „Sprache“ des Literaturbetriebs leicht zurechtfinden, extrovertiert sind usw. Es hat nicht jede*r das Geld, die Zeit, Lust und Möglichkeit, sich nach Abendveranstaltungen bei nicht gezähltem Alkoholkonsum literarisch fortzuschreiben.

Dafür muss man halt auch ein bisschen Zeit haben. Und wenn man diese Zeit schon hat, dann kann man sie zum Beispiel auch besser nutzen, indem man über seine eigenen Privilegien als Autor*in nachdenkt. Denn das Sprechen vom eigenen Glück ist nicht nur falsch, es blendet auch die dahinterstehenden Verhältnisse aus. Nur wenn wir diese klar im Blick haben, können wir die ausschließenden Mechanismen so verändern, dass auch Menschen mit weniger „Glück“ es einfacher haben aufgrund ihrer guten Texte im Literaturbetrieb sichtbar zu werden.

aber sie schläft nicht

er schaut ihr beim schlafen zu, sie schläft nicht, sie rührt sich nicht mehr, für ihn. später wird er ihr zärtlich übers haar streichen, während sie nur für ihn schläft, aber nicht schläft, später wird er sie nur ein bisschen am haar reißen, während sie nur für ihn-

sie zählt nicht immer, nur manchmal, ihr fleckiger körper, sie zählt, wenn sie schläft, wenn sie wach sein will, wenn sie schon will, zählt er. sie ist austauschbar, er könnte auch einer anderen beim schlafen zuschauen, einer anderen übers haar streichen, er könnte auch einer anderen ein bisschen-, er könnte auch für eine andere zählen, das wäre dann sie und auch die flecken hätten denselben farbverlauf.

er versichert ihr, dass niemand ihn so versteht wie sie; dass er noch nie ein so vertrautes gefühl wie mit ihr gehabt hätte; er füllt sie auf, er stopft sie aus, mit seinen erwartungen und mit seinem schwanz.

später ist sie dann eine andere, er merkt den unterschied kaum, sein gefühl ist ja dasselbe, es hat sich gefühlt nichts geändert, es. ist. LIEBE. er LIEBT sie. er schaut ihr zu, wie sie schläft.

Die Dauer meiner Wörter

eine aufzählung von dingen sein, die mir nicht fehlen dürften

1 UMARMUNG: unter meiner zunge der traum von letzter nacht, wie du mich zärtlich umarmt hättest und ich schreiend davon aufwachte, unter meiner haut bin ich so müde, bitte lass mich nie mehr von dir träumen;

1 BOSHEIT: du hattest mir das böse angezogen, weil du mich nicht sehen wolltest, nur meine wörter; also warfst du mich dir unter, bis schön & böse nicht mehr unterscheidbar waren, für mich

1 BEZIEHUNGSWEISE: die falschen abbiegungen anlächeln, um das ziel nicht erreichen zu müssen, unsere bleistiftspuren, ein spiegelspiel (ich schreibe noch immer alles klein, selbst deinen namen)

1 SCHMERZ: das sind die kalten fingerkuppen auf der tastatur; das ist das stechen im rückgrat; das ist ein never-ending-lovesong, gespielt mit fingernägeln, die über eine tafel kratzen und dabei abbrechen

die dauer meiner wörter: ich hab dir einen brief nicht geschrieben, solange!

szene 23

despair ist ein violetter faden und ich trage fusseln davon als pullover. anxiety ist ein stahldraht, der sich in spiralen durch den körper bohrt. an manchmalstagen ist friendship weiße zuckerwatte, an anderen übergebe ich mich

guilt ist ein moor, in dem ich wate und wenn ich stolpere, darin untergehe. love ist eine durchsichtige ranke, die ich nicht sehen kann, wenn sie voller fusseln ist oder voll schlamm. dann wird ich liebe dich eine last, ein schlag

Steinblumenmädchen (auszug)

Unter seiner Haut wachsen Blumen aus dem Nichts, fasrig in die Höhe, ziehen sich auseinander, entfalten sich, behutsam, zu Blüten aus Federn, die in allen Tönen leuchten. Sie sind so verletzlich, dass Blicke reichen, um ihnen weh zu tun. Unter seiner Haut ist ein Gebirge, von dem Steinschlag droht. Es kann nie sagen, wann sich Brocken lösen. Es kann nicht verhindern, dass die Steine die Blumen treffen und Krater in ihm entstehen. Es schwindelt ihm, wenn sich eine neue Welle löst. Unter seiner Haut ist das Mädchen in sich selbst gefangen.

An seinen ersten Steinschlag kann sich das Mädchen, wir wollen es Lisa nennen, noch gut erinnern. Es war spät am Abend, sie hätte eigentlich schon schlafen sollen, aber es waren Gäste zu Besuch. Es war laut im Wohnzimmer, durch einen Spalt fiel Licht in das Schlafzimmer der Eltern, in deren Bett sie lag, sie konnte die Stimmen gedämpft hören. Ihre Mutter hatte ihr zwar vorgelesen, aber Lisa war nicht eingeschlafen. Sie hatte ein Gefühl entdeckt, das sie noch nicht kannte. Es breitete sich über sie aus und machte ihren Körper innen taub und ihre Haut außen schmerzend. In ihrem Kopf blühte und verrottete ein einziger Satz. Ich werde sterben. Ihr Atmen wurde ein Ersticken, sie spürte sich im Bett einsinken unter ihre Haut, wo Steine Blumen zerstörten. Das Aufeinanderprallen von weich / HART / leise / LAUT / langsam / SCHNELL / sanft / BRUTAL in ihr zerriss sie.

ersetzungsträume

Etwas, das FARBEN auflöst, zb lesen, uns als farbverlaufen denken, uns als TEXT, in den du dich fallen lassen könntest, sofern die Sprache nicht hält, vielleicht in meinen Flüchtigkeitsfehlern, in einem Leerzeichen zuviel, in einem vergessenen S. (ein unbetretener Ort, Vorsicht ROT!), ich will uns verblassen sehen, auf dem Papier, ich will diesen Fall, aber absichtslos, ich will ihn nicht auslösen, Verfärbungen ohne Ursache, ich will ihn ENDLOS und als WALD, ohne Entfernungen, mit wuchernden Geschichten, etwas, das über geht. 

Stell dir vor,
ich schreibe dir als Unbekannte, eine Liebende, 
du hast sie noch nicht verschwinden sehen, 
nicht ihren Schmerz ihn dir, 
stell dir vor,
ICH SCHREIBE UNS FORT.

//

Ich träume, wir treffen uns am Meer, ich kann den Sand unter meinen Füßen, ich kann das Wasser fühlen, ich will uns, aber. Du bist nicht greifbar DEIN KÖRPER IST KEINE VORSTELLUNG da sind nur deine Wörter, mein Kopf EIN ABGRUND unsere Nachrichten, ein zu weit gehen, ein fallen, ich schreibe, this is for you, der Traum oder der Sand oder ich, es geht ums FALLEN lassen oder FALLEN gelassen werden, ich schreibe, ich werde dich erst lieben, wenn du mich abwertest, inventarisiert, wenn du mich verletzt, wenn du mich ersetzt.

Das Meer könnte mein Kleid sein, es könnte schimmern im Mondlicht, es könnte sich samtig anfühlen auf meiner Haut, es könnte sich wellenartig bewegen, wenn ich mich drehe für dich; wenn ich mich so schnell, dass du nicht sehen kannst, ob ich das bin oder das Meer; oder wenn ich mich so schnell, dass da kein Unterschied mehr ist, zwischen dem Wasser und mir, ich wollte immer untertauchen, ich wollte immer untergehen, ich hatte keine Schwierigkeiten, zu träumen unter Wasser zu sein, mich aufzulösen, nur mit dem Leben über Grund, nur mit dem Sand.

Ich schreibe NÄHE in den SAND, ich schreibe SAND in die NÄHE, 
ich verbinde den TEXT mit dir, 
in 3 Schichten,
darunter 
etwas, das weh tut, 
etwas, das auftreibt.

[Auszug aus Ersetzungsträume 2020]

uns ohne fäden

Ich habe keine Vorstellungen, mehr. Wenn er mich hält, kann ich davon nicht sprechen. Kann ich überhaupt, sprechen? Er kann Sätze, zu mir, sagen, wie „Ich will dich, ganz genau ansehen, weil wir uns solange nicht sehen, ich muss mir dein Gesicht einprägen“ oder „Das Baby im Arm steht dir gut“. Er kann diese Sätze so sagen, dass sie nicht nur Floskeln sind, sondern tatsächlich stimmen. Ich kann sie mir nicht einmal vorstellen, aber ich würde gerne darauf vertrauen, dass er genügend Vorstellungen, genügend Sätze für uns beide hat.

Ich habe nur Enden im Körper, Enden im Kopf, enden ist in mich eingeschrieben. Wenn er mich trägt, kann ich es kaum glauben, weil ich zu schwer bin. Er ist der einzige, der mich einfach so hochhebt, so, als könne er meine Schwere nicht spüren. Oder als könne er sie ertragen. Keiner vor ihm konnte das. Nur spreche ich das nicht aus, es wäre eine leere Phrase, aus meinem Mund. Außerdem will er keine Vergleiche, mit den anderen, er will von meinem Leben, von meinen Gefühlen, von mir vor ihm nicht wissen. Das würde er nicht aushalten, meint er.

Ich habe, aber anstelle von „ich“, könnte ich von „uns“ sprechen, sollte ich „wir“ schreiben: Wir haben keine Schuhbänder, keine Ladekabel, keine Gürtel, mehr, alle Fäden sind weg oder gerissen. Ich zeichne die Leerstellen ROT an, mit Ölkreide. Meine verschmierten Hände, die Spuren in meinem Gesicht, wische ich an ihm ab, drücke mein Gesicht gegen ihn bis, uns, gibt es, weil er und ich wissen, was es bedeutet, keinen Verlauf zu haben. Was es heißt, nicht mehr zu können und dann „trotzdem“ zu sagen. Uns können wir malen, weil es ihn und mich noch gibt.

[das ist nicht mehr als eine skizze, teil von selbstmörderinnen auf urlaub (arbeitstitel)]

nicht so SEIN

ich bin     noch immer zu    aufgewühlt
ich bin     noch immer zu    emotional
ich bin     noch immer zu    kompliziert
ich bin     noch immer zu    HYSTERISCH

(in jedem MÄNNLICHEN
blick, in jedem)

ich will ein SCHRILLER
nicht zu ertragender
TON werden, der
eure wörter,
gedanken
& werke
SPRENGEN
wird

(HYSTERIKERIN
nur mehr als positive
selbstbezeichnung)