Steinblumenmädchen (auszug)

Unter seiner Haut wachsen Blumen aus dem Nichts, fasrig in die Höhe, ziehen sich auseinander, entfalten sich, behutsam, zu Blüten aus Federn, die in allen Tönen leuchten. Sie sind so verletzlich, dass Blicke reichen, um ihnen weh zu tun. Unter seiner Haut ist ein Gebirge, von dem Steinschlag droht. Es kann nie sagen, wann sich Brocken lösen. Es kann nicht verhindern, dass die Steine die Blumen treffen und Krater in ihm entstehen. Es schwindelt ihm, wenn sich eine neue Welle löst. Unter seiner Haut ist das Mädchen in sich selbst gefangen.

An seinen ersten Steinschlag kann sich das Mädchen, wir wollen es Lisa nennen, noch gut erinnern. Es war spät am Abend, sie hätte eigentlich schon schlafen sollen, aber es waren Gäste zu Besuch. Es war laut im Wohnzimmer, durch einen Spalt fiel Licht in das Schlafzimmer der Eltern, in deren Bett sie lag, sie konnte die Stimmen gedämpft hören. Ihre Mutter hatte ihr zwar vorgelesen, aber Lisa war nicht eingeschlafen. Sie hatte ein Gefühl entdeckt, das sie noch nicht kannte. Es breitete sich über sie aus und machte ihren Körper innen taub und ihre Haut außen schmerzend. In ihrem Kopf blühte und verrottete ein einziger Satz. Ich werde sterben. Ihr Atmen wurde ein Ersticken, sie spürte sich im Bett einsinken unter ihre Haut, wo Steine Blumen zerstörten. Das Aufeinanderprallen von weich / HART / leise / LAUT / langsam / SCHNELL / sanft / BRUTAL in ihr zerriss sie.

ersetzungsträume

Etwas, das FARBEN auflöst, zb lesen, uns als farbverlaufen denken, uns als TEXT, in den du dich fallen lassen könntest, sofern die Sprache nicht hält, vielleicht in meinen Flüchtigkeitsfehlern, in einem Leerzeichen zuviel, in einem vergessenen S. (ein unbetretener Ort, Vorsicht ROT!), ich will uns verblassen sehen, auf dem Papier, ich will diesen Fall, aber absichtslos, ich will ihn nicht auslösen, Verfärbungen ohne Ursache, ich will ihn ENDLOS und als WALD, ohne Entfernungen, mit wuchernden Geschichten, etwas, das über geht. 

Stell dir vor,
ich schreibe dir als Unbekannte, eine Liebende, 
du hast sie noch nicht verschwinden sehen, 
nicht ihren Schmerz ihn dir, 
stell dir vor,
ICH SCHREIBE UNS FORT.

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Ich träume, wir treffen uns am Meer, ich kann den Sand unter meinen Füßen, ich kann das Wasser fühlen, ich will uns, aber. Du bist nicht greifbar DEIN KÖRPER IST KEINE VORSTELLUNG da sind nur deine Wörter, mein Kopf EIN ABGRUND unsere Nachrichten, ein zu weit gehen, ein fallen, ich schreibe, this is for you, der Traum oder der Sand oder ich, es geht ums FALLEN lassen oder FALLEN gelassen werden, ich schreibe, ich werde dich erst lieben, wenn du mich abwertest, inventarisiert, wenn du mich verletzt, wenn du mich ersetzt.

Das Meer könnte mein Kleid sein, es könnte schimmern im Mondlicht, es könnte sich samtig anfühlen auf meiner Haut, es könnte sich wellenartig bewegen, wenn ich mich drehe für dich; wenn ich mich so schnell, dass du nicht sehen kannst, ob ich das bin oder das Meer; oder wenn ich mich so schnell, dass da kein Unterschied mehr ist, zwischen dem Wasser und mir, ich wollte immer untertauchen, ich wollte immer untergehen, ich hatte keine Schwierigkeiten, zu träumen unter Wasser zu sein, mich aufzulösen, nur mit dem Leben über Grund, nur mit dem Sand.

Ich schreibe NÄHE in den SAND, ich schreibe SAND in die NÄHE, 
ich verbinde den TEXT mit dir, 
in 3 Schichten,
darunter 
etwas, das weh tut, 
etwas, das auftreibt.

[Auszug aus Ersetzungsträume 2020]

uns ohne fäden

Ich habe keine Vorstellungen, mehr. Wenn er mich hält, kann ich davon nicht sprechen. Kann ich überhaupt, sprechen? Er kann Sätze, zu mir, sagen, wie „Ich will dich, ganz genau ansehen, weil wir uns solange nicht sehen, ich muss mir dein Gesicht einprägen“ oder „Das Baby im Arm steht dir gut“. Er kann diese Sätze so sagen, dass sie nicht nur Floskeln sind, sondern tatsächlich stimmen. Ich kann sie mir nicht einmal vorstellen, aber ich würde gerne darauf vertrauen, dass er genügend Vorstellungen, genügend Sätze für uns beide hat.

Ich habe nur Enden im Körper, Enden im Kopf, enden ist in mich eingeschrieben. Wenn er mich trägt, kann ich es kaum glauben, weil ich zu schwer bin. Er ist der einzige, der mich einfach so hochhebt, so, als könne er meine Schwere nicht spüren. Oder als könne er sie ertragen. Keiner vor ihm konnte das. Nur spreche ich das nicht aus, es wäre eine leere Phrase, aus meinem Mund. Außerdem will er keine Vergleiche, mit den anderen, er will von meinem Leben, von meinen Gefühlen, von mir vor ihm nicht wissen. Das würde er nicht aushalten, meint er.

Ich habe, aber anstelle von „ich“, könnte ich von „uns“ sprechen, sollte ich „wir“ schreiben: Wir haben keine Schuhbänder, keine Ladekabel, keine Gürtel, mehr, alle Fäden sind weg oder gerissen. Ich zeichne die Leerstellen ROT an, mit Ölkreide. Meine verschmierten Hände, die Spuren in meinem Gesicht, wische ich an ihm ab, drücke mein Gesicht gegen ihn bis, uns, gibt es, weil er und ich wissen, was es bedeutet, keinen Verlauf zu haben. Was es heißt, nicht mehr zu können und dann „trotzdem“ zu sagen. Uns können wir malen, weil es ihn und mich noch gibt.

[das ist nicht mehr als eine skizze, teil von selbstmörderinnen auf urlaub (arbeitstitel)]

nicht so SEIN

ich bin     noch immer zu    aufgewühlt
ich bin     noch immer zu    emotional
ich bin     noch immer zu    kompliziert
ich bin     noch immer zu    HYSTERISCH

(in jedem MÄNNLICHEN
blick, in jedem)

ich will ein SCHRILLER
nicht zu ertragender
TON werden, der
eure wörter,
gedanken
& werke
SPRENGEN
wird

(HYSTERIKERIN
nur mehr als positive
selbstbezeichnung)

fassadengefühle

heute in rot, ich überschminke vorstellungen,
um zu scheinen,
sicherheitsnadeln zum gedanken aneinanderheften
oder zum zustechen, was weißt du von
meinem fehlendem hunger, was weißt du vom
fehlen in mir :
ein phantomaber, gedankenflecken,
die nie mehr rausgehen,
auch nicht mit wasserstoff auf der kopfhaut
unter der kopfhaut: inselsterben,
symptomlose einsamkeit,
ich weiß, du nennst das alles
noch immer liebe

[teil von mein kopf will ohne mich sein, abwesenheitsnotizen, schreiben 2019.]

Mein liebes Tagebuch, it’s complicated

Liebes Tagebuch,

es ist heute nicht viel passiert, ich war müde und beunruhigt. Deswegen hab ich zwei Mal geduscht, weil mich das runterbringt, Tagebuch, in der Früh und am Abend, und dabei einmal masturbiert, liebes Tagebuch, das war eine Lüge, ich masturbiere doch nicht ohne mein Handy,

liebes Tagebuch,

ich hab heute aus dem Fenster geschaut und dabei folgendes gesehen: 1 Mann, der mit seinem Hund spazieren war, 1 Pärchen, das Händchen gehalten hat, 1 Mann, von dem ich zuerst dachte, er hätte 1 Atemschutzmaske auf, aber dann hat er nur geraucht, 1 Polizeiauto und Schneeflocken,

liebes Tagebuch,

ich habe heute aus dem Fenster geschaut und dabei folgendes gesehen: meine Twitter-Timeline, die Webseite des Gesundheitsministeriums, die dann irgendwann auf „Wartung“ war, why, nicht zählbare Nachrichten auf Social Media, zu viele Stories, E-Mails, Formulare,

liebes Tagebuch,

1 Kollege von der Arbeit hat heute versucht, mich zu erreichen, aber als ich abgehoben hab, hab ich ihn nicht gehört, dann hab ich ihn zurückgerufen und als er abgehoben hat, hab ich ihn nicht gehört, dann hat er mich wieder zurückgerufen, und als ich abgehoben hat, hab ich ihn nicht gehört, dann hab ich das Handy von meinem Freund genommen und den Kollegen von der Arbeit angerufen, aber als er abgehoben hat, hab ich ihn nicht gehört, dann wollte ich ihm eine Mail schreiben, aber dann hat er mich nochmals angerufen, auf dem Handy von meinem Freund, und ich hab abgehoben und ihn gehört, weil er mich nicht über die Rufumleitung, sondern von seinem Handy aus angerufen hat und wir haben kurz geredet, und effektiv hab ich so 15 Minuten des Tages damit verbracht in mein Telefon HALLO HALLO HALLO HALLO HALLO HALLO zu sagen,

liebes Tagebuch,

ich musste heute Lebensmittel einkaufen, was mich sehr gestresst hat, aber es war glücklicherweise nicht viel los im Geschäft und ich hab 1 Wein gesehen, der um 50 % verbilligt war und den hab ich dann auch mitgenommen, obwohl ich eigentlich nie Alkohol in der Wohnung hab und der Kassier hat mich gefragt, ob ich 1 Ananas kaufen will, weil die gäb es verbilligt um 1 Euro, aber ich hatte schon mit Karte gezahlt und ich wollt nicht 1 Euro mit Karte zahlen, deswegen hab ich „nein, danke“ gesagt,

liebes Tagebuch,

ich hab heute mit meinen Eltern telefoniert und sie haben mir erzählt, sie hätten gehört, dass man sich seine Hände gut mit Knoblauch desinfizieren kann und ob ich Knoblauch daheim hab und dass ich das probieren soll, und ich so, ELTERN!, habt ihr das schon probiert, dann riecht doch alles nach Knoblauch, und sie so, nein, sie hätten das noch nicht probiert, ich solle es zuerst probieren, der Opa hätte das sicher auch gemacht,

liebes Tagebuch,

meine Eltern wollen sich bald auf Skype zum Kaffeetrinken mit uns Töchtern treffen, wir sollen einen Termin dafür ausmachen und wir haben beschlossen, dass wir uns dafür alle was ganz Schönes anziehen und die Schwester hat gemeint, dass Abendkleidung inkl. hohe Schuhe dafür nötig ist, und jetzt machen wir 1 Termin dafür aus,

liebes Tagebuch,

ich hab heute 1 Freund von mir 2 Links zu Artikeln geschickt und dazu geschrieben „falls dir der Lesestoff ausgeht“ und er hat geantwortet „weißt du eig wie viel LESESTOFF ich schon hab, SOLL ICH IHN DIR SCHICKEN“, liebes Tagebuch, darauf hab ich net mehr geantwortet, weil ich bin mir nun ziemlich sicher, dass LESESTOFF die heutigen DICK PICS sind,

liebes Tagebuch,

die Freundin ohne Smartphone hat mir heute 1 SMS geschickt, dass sie es bereut nicht bei 1 Lesung im Jänner gewesen zu sein und hat mich gefragt, wann ich endlich 1 Tagebuch schreib und ich hab ihr dann in 1 normal langen Antwort, also 15 SMS, erklärt, dass ich schon 1 Bot hab und damit genug beschäftigt bin, aber dann hab ich den minus 50 %igen Wein aufgemacht und gedacht, why not,

schau Tagebuch,

dass bitte net falsch verstehen, aber du kennst das ja, schau, du kennst ja so viele Autor*innen, da bin ich fix nicht die erste, die sich dich schön getrunken usw.,

schau Tagebuch,

es liegt nicht an dir, es liegt an uns, also an mir, dass das einfach net so richtig funktioniert, ich hab es eigentlich auch nur mit dir probiert, also weil die Freundin ohne Smartphone gemeint hat, ich solle das halt mal probieren und nicht immer so kritisch sein, aber Tagebuch, ich find du siehst, dass es schon allein deswegen zum Scheitern verurteilt ist und ich find, du musst mir deswegen nicht böse sein, immerhin bin ich ehrlich zu dir und führ nicht so eine halb-warme, halb-ironische Beziehung mit dir weiter, so wie das andere machen, ja und außerdem, hast du momentan eh genug Beziehungen, die gut laufen, und ich gönn dir das auch echt, du hast dir das verdient, nach all den Jahren, wo die Menschen deinen Wert nicht anerkannt haben, dich nicht öffentlich zeigen wollten oder nur um sich über dich lustig zu machen (Stichwort: Diary Slams), dich abgewertet haben (don’t get me started, wie das auch mit Sexismus zusammenhängt usw., aber das muss ich dir ja nicht erzählen), wenn ich das also jemanden gönne, diesen Hype, dann nur dir, liebes Tagebuch.